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Shoot me! Shoot me! : Donezk

"Wo hin wollt ihr??? Ukraine? Don-was?" Für ein Fußballspiel???" Ungläubiges Staunen, doch die Entscheidung stand fest. Celtic-Touren sind kein reines Fußballding. Sie sind gute Gelegenheiten, Stadt, Land und Fluss, äh, Leute kennen zu lernen. Und wann verschlägt es einen schon in die Ukraine? Ja, da bat sich doch die einmalige Gelegenheit, eine Gegend Europas zu erkunden, die für den durchschnittlichen Mitteleuropäer gefühlsmäßig wohl irgendwo zwischen Sibirien und Kaukasus liegt...

Sieben Hamburger hatten die großartige Idee, die Strecke mit einem 48(!)-Stunden-Mörderzugtörn zu bewältigen. Das war uns Dreien dann doch ein bisschen zu viel Auswärtsfahrt, und so bevorzugten wir die Flugvariante über Budapest und Kiew, was wohl die richtige Entscheidung war, denn so hatten wir noch genug Zeit für die Ukrainische Hauptstadt, die wirklich sehenswert ist.

Insgesamt fünf Tage Ukraine sorgen für so viele Geschichten und Anekdoten, dass es wohl locker den Rahmen dieses kleinen (aber exzellenten) Heftes sprengen würde, also versuche ich mich kurz zu fassen. Einen etwas ausführlicheren Bericht werdet ihr sicherlich auf der Feuchten Biber Website lesen.

Ukraine, das ist ein Land der Gegensätze. Viele richtig Reiche, die mit teuren Klamotten, dicken Autos und vor dem Geschäftseingang wartenden Gorillas herumprotzen, aber auch viel Armut und Heruntergekommenes. Ein Land, das sich rasant verändert, das teilweise modern und turbokapitalistisch ist, sich in anderen Bereichen aber seit 30 Jahren nicht verändert zu haben scheint.

Nach Umsteigen in Budapest erreichten wir Montagabend Kiew und konnten nach einigem Hin und Her (tja, so was wie ne Tourist Information, die englische Sprache oder wenigstens lateinische Buchstaben kennt man hier halt nicht...) schließlich in einer von privater Hand gemieteten Wohnung einchecken und die Umgebung erkunden. Die Preise für Speis und Trank sind sensationell günstig und so zischte man erst mal eines der durchaus trinkbaren ukrainischen Biere.

Die Damenwelt hier bevorzugt übrigens grundsätzlich High Heels, egal ob beim Gang zur Arbeit oder um Kippen zu holen, und auch sonst alles, was man auf den Laufstegen zwischen Mailand und Davidstraße trägt. Als Herr bevorzugt man übrigens die schwarze Lederjacke Marke „Klitschko Standard", während sich als das beliebtestes Accessoire der unterprivilegierten Bevölkerung die karierte Tasche Modell „Osteuropa" etabliert hat...

Die 600 km gen Osten nach Donezk bewältigte man mit der weltberühmten Edelfluglinie „Donbass Aer – runter kommen sie immer". Donezk ist eine erst 100 Jahre alte Industriestadt mit rund 1,2 Mio Einwohnern, die planmäßig angelegt wurde und mit großzügigen Alleen und Plätzen und bunten Häusern unerwartet freundlich daher kommt. Nach einiger Suche nach nicht ausgebuchten Hotels kamen wir schließlich im Hotel „Schachtjor" gleich neben dem Stadion unter. Ein Relikt aus sowjetischen Zeiten, in dem seit Juri Gagarins Erstflug ins Weltall wohl nicht mehr renoviert wurde, Duschklo und einer Putzfrau inklusive, die ab morgens um neun zwei Stunden lang ohrenbetäubend gegen Türen und Wände hämmert, als wäre sie hauptberuflich Schlagzeugerin bei Motörhead. Mit Auspennen war also Essig, macht nix, so konnte man wenigstens die Stadt erkunden und ein erstes Bierchen im „Golden Lion" nehmen, welches der zentrale Anlaufpunkt für die wenigen Celts war, die angereist waren. Der Abend war wirklich ganz angenehm, man traf ne Menge Leute, lernte einige kennen und sang einen Haufen rebellischer Lieder. Die Crew war zwar so nett und spielte die von Celtic-Fans mitgebrachte Mucke, zeigte sich aber sonst als völlig inkompetent und heillos überfordert. Die zwölf Djewuschkas konnten nix außer hilflos herumzuwuseln. So ne schwierige Bestellung wie "drei Wodka" bedurfte drei Erinnerungen, eher sie nach einer Stunde endlich kamen. Aber ein halber Liter des leckeren „Taller" für vier Kracher (= 70 Cent) war schon in Ordnung. Weniger in Ordnung gingen da die vier Möchtegern-Burberry-Hools, die scheiße aussahen und im Laden nach Gleichgesinnten suchten. Von denen wird noch zu lesen sein. Und durchaus Eastern Europe Style waren definitiv die vier Herren im Anzug, die einen etwas nervenden Celtic-Fan mit Hilfe einer durchgeladenen Wumme baten, sich doch bitte zu entfernen, was dieser jedoch nur mit „shoot me, shoot me!" quittierte...

Am Spieltag dann Best Craic im Lion. Wie überhaupt die kleineren Fahrten die besseren sind, weil nicht so viele Mode-Celts am Start sind. Geiler Singsang, gute Atmosphäre und der Fernbeauftrager stand neben dem Celtic-Präsi am Pissoir, um große Pläne in Sachen Freundschaftsspiel zu schmieden... Im übrigen waren wir zehn St.Paulianer die einzigen aus Deutschland vor Ort.

Nach und nach verließen die Leute den Laden, um sich zum Stadion aufzumachen. Kurz vor dem Ground lauerte eine Gruppe von rund 30 der oben erwähnten Junghools und prügelte auf alles ein, was grün-weiß trug, teilweise wurden Leute übelst zusammengetreten. Dabei erwischte es auch einen St.Pauli-Fan, der eine Gehirnerschütterung erlitt, seine Brille verlor und das Spiel nicht sehen konnte (was wir aber erst nach dem Spiel erfuhren, da alle getrennt unterwegs waren). Unsere Dreiergruppe hatte zum Glück nichts grün-weißes sichtbar, zudem hatten wir Begleitung durch fünf nette Schachtjor-Fans, die wir auf dem Weg kennen gelernt hatten.

Das Stadion war mit knapp 30.000 gut gefüllt. Ca. 500 Celts waren gekommen, aber so rechter Support konnte oder wollte in dem unwirklichen Stadion bei dem Schmuddelwetter und der erbärmlichen Leistung der Hoops auf dem Platz nicht aufkommen. Auf Seiten der Heimfans boxte allerdings auch nicht gerade der Papst im Kettenhemd. Außer einer offiziell organisierten orange-schwarzen Choreo, 1 x La Ola und einem kleinen Heimb-- LOCK der nicht zu hören war, lief da gar nix. 0:3 - Ganz schön niederschmetternd, vor allem wegen der jetzt kaum noch vorhandenen Chancen, wenigstens den UEFA-Cup zu erreichen. Da tröstet es auch nicht, dass die Tickets nur 80 Cent (ja, ihr lest richtig, Cent! Nicht Euro!) gekostet haben.

Das „Free Dixie" Spruchband konnten wir übrigens nicht entrollen, dass hatten wir Dröhnbüttel tatsächlich im Appartement in Kiew vergessen... Damit geht dann auch das Goldene Stück Alzheimer an uns, und wir ham es echt verdient...

Der nächste Tag sollte weniger mies anfangen und großartig enden. Der Flieger konnte wegen technischer Probleme (surprise, surprise...) nicht starten. Wir lernten den Schachtjor-Anhänger Sergiy kennen, der sehr gut englisch sprach und uns zum Glück die Durchsagen der Stewardessen übersetzte, sonst hätten wir wohl nie geschnallt, warum wir jetzt seit zwei Stunden in der engen Röhre saßen, ohne zu starten. Er arbeitet für den riesigen Stahlkonzern, dem auch der Verein gehört, und zwar offenbar ganz oben im Board. Vielleicht können wir die ja als neuen Hauptsponsor gewinnen... Jedenfalls bot er sich an, uns zur Innenstadt mitzunehmen. Zudem bestand er drauf, uns zum Lunch einzuladen, wogegen wir uns nicht wehren konnten. Durch ihn erfuhren wir auch so einiges übers Land, war echt interessant. Unser Kinn landete dann auch glatt auf der Tischkante als wir erfuhren, dass alle Schachtjor-Fans (500 in Glasgow, 1.000 in Barcelona) den Flug und die Eintrittskarten von der Firma komplett gesponsert bekommen, plus 50 Euro Spesen! Take me down to the paradise city...

Kiew ist ne schöne Stadt mit protzigen Kirchen samt goldener Dächer, mittelalterlicher Klosteranlagen samt Katakomben (mit eingebauter Klaustrophobie-Garantie), breiten Prachtboulevards samt chaotischem Verkehr und einem herrlichen „Platz der Unabhängigkeit" samt obligatorischem McDonalds. Absolut einmalig sind auch die Fußgängerunterführungen durch die breiten Straßen und Plätze, die beheizt sind und Händlern aller Art Verkaufsfläche bieten. Doch auch Shops, ja sogar ganze Einkaufszentren wurden hier unter die Erde verlegt.

Die Stadt ist modern, weltoffen, quirlig, noch nicht von Touris überlaufen und genauso kontrastreich wie unser Kneipenprogramm. Von einem brasilianischem Café, in dem es ungefähr hundert Sorten aus aller Welt gab und in dem die Bedienungen einen Kaffeesack als Kleidung tragen, über einen Sowjet-Nostalgie-Kellerladen samt Lenin an der Wand und Tarnnetzen an der Decke bis hin zum O'Briens Irish Pub, wo wir auch Sergiy und seinen Freund Ivan wieder trafen, speisten, tranken (und er bestand wieder darauf, alles zu zahlen...), während auf der Leinwand UEFA-Cup lief und anschließend ne Folkband spielte. Kurz nach dem die beiden sich verabschiedet hatten tauchten unvermittelt Joe Miller und die Lads vom Not The View Fanzine auf (er war sogar beim Spiel vor rund 15 Jahren in Hamburg, Millerntor Roar gegen NTV). Nicht nur, dass wir eine Menge Spaß hatten, wir erfuhren auch von der absolut großartigen Nummer, dass die fünf mit dem Taxi (!) nach Donezk gefahren sind! Der Flug über Amsterdam fiel nämlich aus, so dass sie über Manchester und Kopenhagen ausweichen mussten und so den Anschlussflieger in Kiew verpassten. Also nahmen sie halt ne Taxe, tja, was liegt näher... um zwölf Uhr nachts! Der verfuhr sich dann auch noch, und so waren die lockere zwölf Stunden unterwegs...

Der Freitag stand im Zeichen des Sightseeings und des Abflugs, wobei sich herausstellte, dass des Ukrainers liebstes Spielzeug das Gerät zur Durchleuchtung des Gepäcks zu sein scheint, denn gleich drei mal hieß es: Tasche und Jacke auf's Band... Der Computerabsturz beim Einchecken und die langen Schlangen bei der Passkontrolle hoben auch nicht gerade die Laune, aber watt soll's.

War auf jeden Fall eine der besten Celtic-Fahrten überhaupt. Ich persönlich würde sie gleich hinter Sevilla und vor Paris einordnen. Wehrmutstropfen aber der verletzte St.Paulianer (gute Besserung an dieser Stelle - hold your head up high, Christoph!) und der miese Kick, aber das kennt man ja von einem gewissen anderen Verein.

Artikel aus der "gazzeta"

01.11.2004, [Oleg von Bolek]