|
|
Berichte
Das Wunder von Camp Nou: FC Barcelona – Celtic FC
Barcelona, Nou Camp. Wie viele Jahre hatte ich schon davon geträumt, einmal dieses riesige, mehr als 100.000 Zuschauer fassende Stadion mit eigenen Augen zu sehen, diesen Mythos live zu erleben – und nun war es endlich so weit. Gemeinsam mit einer Gruppe vom St. Pauli Celtic Supporters Club gings am Dienstagnachmittag los zum Champions-League-Spiel FC Barcelona – Celtic FC. Doch das Abenteuer begann mit einem kleinen Missverständnis. Irgendwer hatte Ralf-Dieter beim Einchecken mitgeteilt, dass Glasflaschen nicht mit an Bord genommen werden dürften, da man sie ja als Waffe benutzen könnte. Gut, er hatte nur schnell eine Apfelschorle zu vernichten, aber in meinem Rucksack tummelten sich 24 kleine Mümmelmänner... Wegwerfen kam nicht in Frage, also wurde in der Wartehalle fröhlich drauflos getrunken – was immerhin die Zahl der Flaschen halbierte, mehr ging aber in der kurzen Zeit einfach nicht. Und, der Vielflieger ahnt es schon, natürlich wars letztlich überhaupt kein Problem, die kleinen Stimmungsaufheller mit zu nehmen.
In Barcelona angekommen gings per Bus in ca. 20 Minuten direkt zur Placa Catalunya und von dort zu Fuß ins Hotel Levante, das sich als echter Glücksgriff erwies, liegt es doch nur drei Steinwürfe, von der Rambla, Barcelonas Prachtstraße, entfernt und ist dennoch vollkommen ruhig. Schnell die Taschen abgelegt und los gings. Wolf Tone, Drobby, Ralf-Dieter, Andy, Flo und ich machten und erst mal daran, einen Pub zu finden und stießen dabei auf Pauline, die sich gerade von zwei Schottinen unter den Tisch trinken ließ. Für uns fand sich aber in den recht kleinen Läden der Innenstadt keinen Platz mehr und so düsten wir kurzentschlossen (na ja...) per Taxi zum Michael Collins Pub ein paar Kilometer außerhalb. Auch hier war alles in grün-weißer Hand und tobte das Leben, doch unlösbare Platzprobleme gabs nicht. Im Gegenteil: Wir fanden sogar einen Ort, um das kleine St.Pauli CSC-Banner aufzuhängen – und sofort richteten sich alle Digitalkameras auf uns und unser bestes Stück. Star des Abends war natürlich Ralf-Dieter, der sein Störtebeker-Tattoo ein ums andere Mal präsentieren musste und gemeinsam mit einem Schotten, der auf dem Rücken den Huddle samt Schriftzug „It’s a Bhoy‘s Thing“ trug, wieder und wieder abgelichtet wurde. Allerdings blieb auch ihm nicht der bereits gut abgefüllte Celt erspart, der sich jeden erkennbaren St.Paulianer griff, um die Frage „Why Celtic?“ zu klären. Ob er’s nach dem fünften Mal begriffen hat?
Am Spieltag dann das volle Programm. Zimmer 210 (Andy, Flo und ich) ließen den Wecker bereist um halb 9 klingeln, da wir am Morgen eine Stadionführung machen wollten. Zimmer 207 (Wolf Tone, Drobby, Ralf-Dieter) schlief da noch selig. Trotz perfekter Anreise per Metro wurde aus unserem Plan leider nichts: Am Spieltag keine Führungen – hätte man sich eigentlich auch denken können. Immerhin: Das Barca-Museum war geöffnet. Also die 5,30 Euro Eintritt abgedrückt und rein in die Devotionalienkammer. Schon imponierend, was da alles an Fußballgeschichte aufbewahrt wird. In großzügigen Räumlichkeiten finden sich Fotos aus glorreichen Zeiten, Trikots, Zeitschriften, Bücher, ein großes Nou-Camp-Model, alte Mitgliedsausweise – und natürlich jede Menge Pokale. Mit einem Champions-League-Cup-Replika konnte man sich für acht Euro fotografieren lassen. Wir also unser CSC-Banner rausgeholt und das gute Stück in die Mitte genommen. Das Ergebnis dürfte bald auf der CSC-Website zu sehen sein. Ein Blick ins Stadion war dann auch noch drin, und der gab schon einen Vorgeschmack auf den Abend. Grandios die Terrassen, die bis in den Himmel zu ragen scheinen. Ein echter Fußball-Tempel, an dem wir uns kaum satt sehen konnten. Interessant auch die Weltkarte, auf der die zahllosen Barca-Fanclubs, die so genannten Penyas, markiert sind. Allerdings gibt’s doch ne erhebliche Ballung im katalanisch-spanischen Raum und sonst nur vereinzelte Ausreißer. Da sieht die Sache bei Celtic und den CSCs schon etwas anders aus.
Soviel gab es zu sehen, doch die Zeit drängte, schließlich sollten gegen Mittag Charlie & The Bhoys im „Catwalk“-Club, irgendwo am Olympischen Hafen spielen. Auf der Karte sah das alles ganz dicht aus, aber eine halbe Stunde irrten wir dann herum – um schließlich an einem weitgehend verwaisten Eingang zu stehen, sieht man mal vom Türsteher und einer Art Animateurin ab. Die pries das Konzert gleich in höchsten Tönen an, verriet aber auch, dass es erst gegen 15 Uhr, also in anderthalb Stunden soweit sei. Also ab zur Bar um die Ecke, wo wir uns mit laschen Pommes und ein wenig spanischem Bier die Zeit vertrieben. Um 15 Uhr dann zehn Euro Eintritt bezahlt und rein. Drinnen: gähnende Leere. Vielleicht 50 Leutchen, darunter auch einige Südzecken, verloren sich in einem Saal, der Platz für 500 bietet. Bitter! Zwar fanden in der folgenden Stunde noch einige Celts den Weg dorthin, doch echte Stimmung konnte natürlich nicht aufkommen. Und so blieb ich gar nicht mehr bis zum Konzert, sondern zog gen Innenstadt, wo die Placa Catalunya sich mehr und mehr zum zentralen Treffpunkt der Celtic-Fans entwickelt hatte. Nachdem dort in bewährter Weise das Gros der aus einem nahe gelegenen Supermarkt angeschleppten Wodkaflaschen und Bierdosen geleert worden war, zog die Karawane – darunter auch Leute aus Kaiserslautern und Stuttgart, ja sogar ein Braunschweig-Fan mit Leverkusen-Tattoo (Sachen gibts...), – weiter in Richtung Camp Nou. Fröhliche Stimmung in der Metro, die CSC’ler Andre allerdings bald verdorben war, wurde im doch das Portemonnaie mit 200 Euro, Papieren und vor allem seinem Ticket gezockt. Übel, übel.
Die im Vorfeld immer wieder prognostizierten Kartenprobleme gabs übrigens nicht. Zum einen waren morgens an der Stadionkasse reichlich Tix ab 49 Euro im Angebot, zum anderen liefen abends vor dem Stadion noch Leute rum, die Abnehmer für ihre Karten suchten. War wohl doch etwas voreilig, bei einer Agentur im Vorfeld 125 Euro für ein 63 Euro-Ticket abzudrücken. Zumal ich nun auch noch allein und nicht mit den anderen zusammen saß, die auf verschlungenen Wegen an Karten zu 99 Euro (regulärer Preis!!!) gelangt waren. Der von mir teuer bezahlte Platz erwies sich dann eh als ungünstig: Tief im Inneren gelegen bot er zwar einen guten Blick auf den Rasen aber nicht auf die Ränge und hatte das Ambiente einer Tiefgarage. Außerdem waren nur Rot-Blaue um mich rum. Also auf den Weg zum Celtic-B-- LOCK ganz oben auf der anderen Seite gemacht. Beim zweiten Versuch elegant an den Ordnern vorbei, im grün-weißen Gewusel verschwunden – und schon stand ich dort, wo ich hinwollte. Unter geschätzten 5000 bis 7000 Celts. Stimmungsmäßig war’s o.k., vor allem im Vergleich zu Barca, denn da kam so gut wie nichts. Fast keine Fahnen, Banner und Transparente, kaum Anfeuerung – und das in einem Stadion, das mit immerhin knapp 75.000 Fans gefüllt war. Lediglich zehn Nachwuchs-Hools am unteren Ende des Celtic-Blocks sorgten kurz für etwas Atmosphäre, als sie mit England-Fahne und eindeutigen Gesten zu provozieren versuchten. Zu ihrer eigenen Sicherheit schritt aber die Polizei sofort ein und drängte die Spacken ab, so dass wir uns ganz aufs Spiel konzentrieren konnten und nach Eto’os 1:0 das Schlimmste befürchteten. Würden wir nun, wie allseits erwartet, abgeschlachtet und mit einem 0:5 nach Hause geschickt werden? Doch dann kam die 45 Minuten und mit ihr John Hartson. Ungläubiger Jubel beim Ausgleich, der die Zeit des Wartens einläutete. Je weiter die Uhr nach der Halbzeit voran schritt, desto besser die Stimmung im Celtic End. Sollte das Wunder von Barcelona tatsächlich geschehen? Genau das war schließlich der Fall und der Jubel am Ende groß. Untrügliches Zeichen für die allgemeine Freude auch, dass einige Celtic-Spieler ein paar Schritte in Richtung Kurve machten, für gewöhnlich sind die ja sofort in der Kabine verschwunden. Entsprechend stimmungsvoll die 20 Minuten, die wir noch im Stadion bleiben mussten und der Weg zur Metro. Selten ein so euphorisches (und langes!) „Willie Maley“ gehört. Ganz groß! Bei Guinness und fröhlichen Gesängen im „Michael Collins“ sowie einem zufälligen Treffen mit „More Than 90 Minutes“-Herausgeber Michael klang der Abend schließlich aus, der mir als relativem Frischling (erst vier internationale Celtic-Spiele) vor allem eines bescherte: den ersten Punktgewinn! Jetzt ein Sieg gegen Milan und wir sind definitiv weiter in Europa dabei. Lissabon, wir kommen! (Il Presidente)
|
| 30.11.2004, [Il Presidente] |
|
|