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TIOCFAIDH, ALLER! - Eine Reise ins Reich der Rebel-Musik - Glasgow-Tour (10.-15.10.96)

Wir schreiben Mittwoch, den 16.10.96, 11 Unr vormittags. Ich bin gerade aus einem 12stündigen Komaschlaf aufgewacht, als das Telefon klingelt. Die Person am anderen Ende der Leitung fängt plötzlich an, mich auf englisch vollzulabem. Verdammt, bin ich vom Glasgow-Trip etwa noch nicht runter? Doch ich merke schnell, das ist englisch! Ich kann also nicht mehr in Schottland sein (die reden ja bekanntlich alles andere, nur kein englisch!), und der Typ sabbelt auch irgendwas von „Epitath" und „Anzeige". Alles klar, ich bin zu Hause. Hinter mir liegt eine Reise, deren Programm dermaßen ausgefüllt war, daß zum Luftholen kaum Zeit war, geschweige denn zum Nachdenken, was hier eigentlich gerade abläuft. Aber der Reihe nach. Los ging's Donnerstag, 12 Uhr am Clubheim mit einem 75 Personen fassenden Doppeldecker-Bus. Mit dabei war Manu, die eigentlich mit Thorsten, Regnar und Mirko per Auto (über Belfast etc.) vorfahren wollten, die Karre aber zweimal verreckte, und sie nun doch irgendwie mitkam. Mirko startete auf eigene Faust mit einem normalen Bus, Thorsten und Regnar hatten dann keinen Bock mehr. Zu Regnars Abwesenheit später mehr. Unter den Mitreisenden waren eine Menge Leute, die ich noch nie vorher gesehen hatte und die ich eigentlich nicht zum engeren St.Pauli/Cellic-Kreis gezählt hatte. Von denen fehlten dafür leider sehr, sehr viele, trotzdem waren genug lustige Leutchen an Bord, um die Hinfahrt recht amüsant zu überbrücken. Gegen Mitternacht setzten wir in Calais über. Auf der Fähre durften die sonstigen Passagiere über unser Sangesgut staunen. Ab Dover bis Manchester gelang es den meisten, ein wenig einzupennen. In Carlisle, ein kleines Städtchen kurz vor der schottischen Grenze, machten wir am Freitag dann 3 Stunden Aufenthalt, um nicht zu früh in Glasgow anzukommen. Nach einem leckeren (weil Zutaten ausgesucht!) Frühstück besichtigten Heiko und ich das Stadion des örtlichen Fußballclubs. Carlisle United F.C. heißt der Verein, hat einen Fanshop mit zahlreichen Utensilien, ein 17.000er Stadion und einen Schnitt von 6.000. In der 4.Liga wohlgemerkt! Sie spielen übrigens in der gleichen Liga wie Cambridge. Nick Hornby's .Zweitclub". Am Eingang fragten wir höflich und bekamen eine private „Stadiontour" durch den Spielertunnel und so. Nicht schlecht. Wie sich nach Gesprächen mit Celts später herausstellte, soll das aber ein ziemlicher Fascho-Club sein. Hoppla... Gegen Mittag erreichten wir dann endlich das Brazen Head in Glasgow. Dort ließ es sich natürlich gut aushalten, wir hatten ja noch auf unsere Gastgeber zu warten. Die trudelten nach und nach ein, 3 Autos brachten uns zur Behausung von William, unserem Gastgeber. Dieser hat wohl ziemlich Knete, ein Doppelhaus in einem Vorort. Letzte Saison war er Shareholder von Celtic, und gewisse Gelder fließen sicherlich für die republikanische Sache ab. Lustig auch die Kameraüberwachung für die Haustür... Nachdem wir uns frisch gemacht hatten, ging's ins Two Cranes.. dort waren wir Gäste des „Govan Emerals CSC“. Die sorgten auch für die musikalische Untermalung in Form einer Rebelband und einer kleinen, aber geilen Flute-Band rist so 'ne Art Rebel-Spielmannszug für Märsche). Überhaupt rebelmusic: Diese sollte uns in Glasgow verfolgen, wohin wir auch gingen oder einkehrten...und immer fleißig singen! Der Abend war sehr nett, und zu späterer Stunde gab es den erwarteten/befürchteten Sangeswettstreit Celtic v St.Pauli, den die Hlamburger wohl für sich entscheiden konnten, so unglaublich es klingen mag. Diesen erlebten wir neun Personen allerdings nicht mehr, da uns zwei Autos bereits abgeholt hatten, um uns ins Cruffy Murphy (o.s.ä.) zu kutschieren, die Kneipe von William. Dort spielte noch 'ne Rebelband, und einer von uns wurde von dieser aufgefordert, auf die Bühne zu kommen, um ein Ständchen zu bringen. Thomas war der Dumme, und ich glaube, wir blamierten uns ganz gut. Nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß wir hier, wie überall, tausend Hände schütteln mußten, mit den Standard-Fragen: „You're from St.Pauli?“, „How long do you stay?“ „Do you enjoy your stay?“ mit dem üblichen Schlußsatz ..Tiocfaidh ar la!“ oder „Up the Ra!“. Ein wenig ungläubig schauten wir uns dann schon um, als die Band aufgehört hatte und plötzlich höllenlauten Dancefloor einsetzte und die Schicksen, die uns bis dahin gar nicht aufgefallen waren, die Tanzfläche stürmten. Dann aber nsch Haus und William bot uns noch zahlreiche Biere und Joints an. Daß der doch schon etwas betagte Marm das noch verträgt!? Am Samstag war dann Spieltag. Mit einem kurzen Abstecher in die Commercial Bar, wo über Großleinwand das Spiel Man Utd - Liverpool lief (1:0), fuhren wir zum Treffpunkt Bairds Bar (Celtic-Pub durch und durch). Dort lümmelten schon die meisten anderen St.Pauli-Fans herum, doch war der Schuppen derart voll, daß sich der ganze Mob etwas verteilte. Nach kurzem Einkehren in den Club 67 (Celtic-Pub durch und durch) in die Hoops Bar (Celtic-Pub durch...). Dort traf ich auch die Londoner, die dieses ekelhafte „Hooch“ soffen. Ist zur Zeit dort Modegetränk, Limo mit Alkohol oder so, scheußlich! Ich bleibe lieber bei meinem Lieblings-Lager „Tennant's“. Etwa eine Stunde vor Anpfiff zog der St.Pauli-Mob geschlossen zum neuen Parkhead. Bis auf eine Lücke, die wegen einer Hochspannungsleitung vorerst nicht geschlossen werden kann, ist das Teil fertig und mächtig beeindruckend. Wir saßen im oberen Bereich (was für ein Aufstieg!), allerdings etwas verteilt. Auch dieses für uns ungewohnte Sitzen war sicherlich Grund dafür, daß wir uns sangestechnisch nicht so bemerkbar machen konnten, wie wir eigentlich vorhatten. Aber als wir in der Halbzeit unsere Blockfahne entrollten und den Passantensong zum Besten gaben, ernteten wir Applaus aus der ganzen Kurve. Das Stadion war übrigens ausverkauft, bei 40.000 Dauerkartenbesitzern auch kein Wunder. Die Stimmung war allerdings total mau. Wenn die Celts singen, dann megalaut, aber meistens sitzen sie auf ihren Ärschen und halten's Maul. Aber das ist ja allgemein bekannt. Richtig laut wird's nur beim Old Firm oder im Eurocup. Grund ist sicherlich die totale Versitzplatzung und die Tatsache, daß es keinen Alk im Stadion gibt. So bleiben die Zuschauer bis auf den letzten Drücker in den Pubs und betreten zumeist erst nach Anpfiff das Stadion. Das Spiel war ebenfalls wie erwartet: Eher schlecht, Celtic überlegen gegen eine Mannschaft (Motherwell übrigens), die unteres Zweitliganiveau besitzt. Richtig laut wurde es dagegen im Rund, als die Gegentore von Rangers bekannt wurden. 1:2 im Rückstand! Nun mußte nur noch Celtic scoren, um auf zwei Punkte an die Huns heranzukommen und beim nächsten Old Firm am11.November an ihnen vorbeiziehen zu können. Aber bis auf die letzte Minute warteten die Hoops, bevor Piieeeerrrre die Massen erlöste. Klasse! Beim Verlassen des Stadions hatten wir noch ein wenig Ärger mit den Ordnern. Die wollten nicht, daß wir uns sammeln, sondern forderten uns zum Weitergehen auf. Und Sven mußte dem Oberordner (laut Erzählungen der Celts ein Arschochse) in seiner Office erklären, wer wir denn seien, wie lange wir bleiben, etc. Nun denn, zu Fuß gings zurück zu den Pubs, wo sich wieder alles verteilte. Unsereins landete irgendwie im Welcome Inn, wo lustig gesungen und gelabert wurde, und auch die Pints machten Runde bis zum Abwinken. Interessant war, daß wir dem ganzen Laden unsere Steffi-Graf-Lieder beibringen konnten, ja, Holger war auch dabei. Per Taxi fuhren wir gegen acht in den Clada Club, Westmoreland. Diese Veranstaltung wurde vom TAL und Celtic Anti-Fascists organisiert. In dem riesigen Saal waren ca. 500 Leute anwesend. Wiedersehen feierte man mit den Celts, die wir schon in anderen Pubs kennengelernt hatten, sowie mit unserer heißgeliebten rebelmusic dargeboten von EIRE OG und CELTIC CONNECTION, beide ziemlich genial. Dazwischen trat auf der Tanzfläche eine sicherlich 40 Mitglieder starke Flute-Band auf. Junge, Junge, ich sitze hier in Deutschland und kann mal wieder kaum glauben, was da so für ein Film abläuft. Du kommst da in eine andere Welt, und auf dieser Party warst du mittendrin. Dort ist es völlig normal, wenn Kiddies, ältere Herren im Sonntagsanzug und herausgeputzte Damen im Abendkleid gemeinsam zum Takt der Flute-Band „Get The Brits, get the Brits, get The Brits out now!" oder „The I, the I, the I-R-A!" brüllen. Selbstredend wurden wieder Lose verteilt oder Bilder von irgendwelchen getöteten IRA-Soldaten versteigert - alles für die Sache, versteht sich. Zusätzlich flossen dabei natürlich die Lager/Guinness in Strömen die durstigen Kehlen herunter. Ich traf dann tatsächlich den Typen wieder, mit dem Kriller und ich im Taxi zum Volkspark gefahren sind, zusätzlich einige andere bekannte Gesichter. Ein Vorzeige-Ire (rote Haare, roter Vollbart) war derartig gerührt, daß wir Germans die ganzen Rebel-Texte draufhatten, daß er mich glatt zu sich nach Hause einladen wollte, und so ging das den ganzen Abend. Als sich gen Mitternacht die Feier langsam dem Ende neigte, mußten wir St.Paulianer dann zeigen, was wir sangestechnisch drauf haben, und so gaben unsere heiseren Kehlen noch mal alles. Bei William wurde natürlich der letzte Absacker zu sich genommen. Am Sonntag stand dann der aktive Fußball-Part auf dem Programm. Unsere Fahrer karrten uns in das mieseste Ghetto, daß ich je gesehen hatte (gleich hinter Kirchdorf-Süd), wo auf einem (etwas kleinerem) Großfeld wir St.Paulianer gegen ein Celtic-Team anzutreten hatte. Das Auslassen diverser Großchancen wurde eiskalt bestraft, und am Ende gingen uns die Kräfte aus, so daß es schließlich 1:5 stand. Da half auch die Pitch-Invasion unserer Fans nichts. Aber ein Rückspiel in unserer Stadt, in unserem Ghetto, auf unserem Platz und mit unserem Schiri haben wir bereits gefordert! Mit dem Bus entflohen wir dem grauen Beton (die Kiddies nahmen bereits die Bushaltestelle auseinander...) und stiegen am McNees wieder aus. Dort spielen ja sonntags immer die BLARNEY PILGRIMS, und zwar, wer hätte das gedacht, Rebel-Songs. Der Laden platzte aus allen Nähten, die ersten Pints wollten noch nicht so recht, doch nach einer Weile hatten alle wieder den gewünschten Pegel. Nach den PILGRIMS zogen die meisten ins Brazen Head, wo zum Erstaunen aller eine Rebel-Band spielte, die Rebel-Songs darbot. Bei dieser Band war wieder der EIRE OG-Sänger dabei, und klasse war's natürlich wieder. Erwähnen möchte ich noch, daß jede Rebel-Band uns St.Pauli-Fans vorstellte und herzlich willkommen hieß. Nach der Band dann, oh Wunder, rebelmusic vom Band, und der Reigen wurde fortgesetzt. Doch irgendwann war wieder Sperrstunde, und die meisten zogen nach oben in die Nachtbar des Ladens, die länger geöffnet haben darf. Das Teil hat zwei Etagen, mit Tanzfläche unten. Der DJ spielte allerdings keine rebelmusic, sondern so eine Art Techno oder wasweißich, was uns dazu veranlaßte, den Schuppen in eine St.Pauli-Celtic-Love Parade zu verwandeln. Die übrigen Besucher haben uns wahrscheinlich für völlig abgetickt gehalten. Unten tanzten derweil gewisse Kiezwirte und Hamburger Fanzinemacher schön einen ab... Herrjeh! Wohl so gegen drei durften wir endlich nach Hause. Der Kameramann Jan hat ja auch schon genug Peinlichkeiten gefilmt. Am Montag waren natürlich alle fit wie'n Turnschuh, und allerbester Laune fuhren wir zum Parkhead, Sachen in den Bus und ein wenig im Celtic-Shop eingekauft. Dieser hat zwar einen fetten Katalog und derartig viel dämlichen Krimskrams, daß einem ganz schwindelig wird (Celtic-Stereoanlage!), doch zwei Sachen, die ich nun haben wollte, hatten sie nicht: Postkarten und Aufnäher. Na toll. Dann war Stadionführung angesagt (meine zweite bereits), doch die konnte uns angesichts unseres gigantischen Stadions und unserer gigantischen Geschäftsstelle mit gigantischem Trophy-Room zu Hause bei St.Pauli kaum beeindrucken. Eher das leckere Essen in der Jock Stein-Lounge. Die erste vernünftige Mahlzeit während der Tour, aber daß es auf der Insel nur Fraß gibt, und selbst allgemein unverfängliche Gerichte wie Cheeseburger oder Pizza zum Kotzen schmecken, wußten wir ja vorher. Noch ein wenig lästern möchte ich über die Wasserhähne. Zumeist sind es zwei pro Waschbecken. Aus dem linken kommt kochend heißes Wasser, also ungebräuchlich. Aus dem rechten kaltes, nach Betätigung der Drucktaste aber leider nur für eine halbe Sekunde, so daß immer jemand anders (!) den Knopf gedrückt halten muß. Dafür kommt der Wasserstrahl mit einem derartigen Druck aus dem Hahn, daß der ganze Oberkörper klitschnaß wird, wenn man seine Hände wäscht. Na ja, jedem das, was er verdient. Danach nahmen wir in der Bar Platz, und Torwartlegende Pat Bonner kam zu uns herauf, begrüßte Regnar in der Kamera (wie wir schon tausend mal davor) und gab reichlich Autogramme. So stiegen wir dann wieder in den Bus, der die nächsten 24 Stunden unser Zuhause sein sollte. An irgendeinem Rasthof trafen wir plötzlich auf Rangers-Fans, die uns mit Handzeichen u.a. klarmachten, wie sehr sie uns lieben. Da kamen wir erstmal ins Grübeln: Rangers Fans? Was machen die denn hier? Ach ja, am Mittwoch Champions-League in Amsterdam. Ach du Scheiße! Jedenfalls schauten wir auf allen Rasten, die wir anfuhren, ob da nicht ein ganzer Bus von denen dort stand, sonst hätt's böse für uns ausgesehen. Im weiteren Verlauf der Fahrt vertrieb man sich mit “Stadt, Land, Fluß" spielen die Zeit, allerdings etwas abgewandelt, mit Stadion, Fußballclub, Krankheit, Schimpfwort, Sexualpraktik etc. Daß der p.c.-Faktor gerade bei letzteren Wörtern eher gen null tendierte, könnt ihr euch sicher denken, doch es hört ja keiner, und Jans Kamera-Mitschnitt wird gnadenlos zensiert. Aber schon erstaunlich, was da alles zu Tage kam... In Dover dann auf die Fähre, und es stieg tatsächlich ein Haufen Huns ein, die uns erstmal nicht so recht einordnen konnten, doch als sie was von St.Pauli lasen und/oder einen Zipfel Celtic-Trikot unter'm Pulli durchschimmern sahen, kamen gleich Anti-IRA- und Pro-UVF-Gesänge. Da uns das alles nicht so geheuer war, versammelten sich alle gemeinsam in der (anderen) Bar. Nach endloser Fahrerei kamen wir Dienstag um zwei Uhr Nachmittags endlich am Clubheim an. Nachdem wir uns die Pokal-Tickets besorgt hatten ging's hinein zum Abschiedsumtrunk. Als Helmut Schulte vorbeikam, wurden die letzten Pfund zusammengekratzt (so 70) und ihm unter lautstarken „There's only one Pierre"-Gesängen überreicht, damit er den Transfer bald einleitet. Die Spieler kamen auch vorbei, um den Bus zum Reserverunden-Spiel in Kiel zu besteigen, so daß wir für jeden noch 'nen netten Song übrig hatten. Lange ging's nicht, da sämtliche Reisenden durch waren. Allein dieser 24 Stunden-Bustörn schlaucht gewaltig. Aber die lange Fahrt kann man ja dazu nutzen, Rebel zu hören... Noch was zum Bus: Zwei der drei Busfahrer waren voll o.k. und zeigten sich nicht nur sehr kooperativ, was zum Beispiel das Rauchen und Pausemachen anbelangt, sondern machten in Glasgow so ziemlich jeden Quatsch mit! Jedenfalls wuselten sie ebenfalls in irgendwelchen Pubs herum. Fazit: War wieder extrem nett. Auch mit so einer großen Gruppe zu reisen, hat was für sich. Der Bus wurde in Glasgow übrigens aufgebrochen. Und was wurde geklaut? Das Telefon (nicht so schlimm), die Kassetten (schon schlimmer) und das Bier (neiiiiiin!). (Bericht von Raphael aus Splitter Nr. 11)
10.10.1996, [Raphael (Splitter)]