|
|
Berichte
Ni Éireannach mé
Letztes Jahr noch Vorletzter, am letzten Spieltag auf einen Nichtabstiegsplatz gerettet und im Pokalfinale unterlegen. Schlechte Leistungen während des ganzen Jahres. Doch dieses Jahr kurz vor Ende der Hinrunde 1. der Tabelle, noch in allen sechs Pokalwettbewerben vertreten. Kein Traum von St.Pauli, sondern freudige Realität bei Irlands Verein No. I Cliftonville FC aus North Belfast. Kaum verstärkt (wenn, nur mit jungen Talenten), kein Trainerwechsel nach der erfolglosen letzten Saison und trotzdem steht man jetzt oben und begeistert die allmählich zahlreicher strömenden Fans. Die Hoffnung auf den ersten Titel seit 1979 ist groß und damit für uns die Möglichkeit ein erneutes Europacup-Spiel mit den Reds zu erleben. Außerhalb der Plätze ist es im Moment erstaunlich ruhig, auch wenn das Auswärtsspiel bei Portadown erst noch kommt. Auf Proteste stößt weiterhin die staatlich verordnete Verlegung aller Heimspiele gegen Linfield in den Windsor Park im loyalistischen South Belfast.
Der Verein der irischen Diaspora in Schottland, Glasgow Celtic, ist ebenfalls auf dem richtigen Weg, auch wenn nach der Niederlage bei den Rangers und der Heimniederlage gegen Motherwell die Tabellenführung wieder abgegeben werden mußte. Nach den skandalös schlechten Leistungen der ersten Spiele (besonders in Innsbruck) konnten die Neueinkäufe sich als echte Verstärkungen erweisen und man scheiterte nur knapp an Liverpool im Europapokal. Die teilweise noch schlechteren Leistungen der Huns in Europapokal und Meisterschaft lassen auf das Verhindern von 10 in a row hoffen. Am Wochenende des SPLITTER-Erscheinens spielt Celtic um den ersten Titel auf dem Weg zum Triple im Finale des League Cups gegen Dundee. Wir werden die Bhoys mit unserer Anwesenheit beglücken und uns ein eigenes Bild von der derzeitigen Situation rund um den irischen Club machen. Die Luft in Glasgow ist rauher geworden. Im letzten halben Jahr sind drei Celtic-Pubs in Flammen aufgegangen, u.a. das legendäre McNees. Fergus McCann reitet weiter auf der Anti-Irland-Welle und erschwert den irischen Fans von der Insel mit den Verboten der Fahne und gewisser Lieder weiter das Leben. Leider hat sich noch keiner gefunden, der Fergus die 42,8% Anteile an Celtic abkaufen kann und will und diesem Elend ein Ende machen kann.
Meist ist die Anwesenheit von St.PauIi-Fans im internationalen Fußball allerdings nicht von Erfolg gekrönt (vielleicht sollten wir uns mal andere Clubs aussuchen). Nach dem zweiten Platz in der Gruppe 8 zur WM-Qualifikation hinter Rumänien und vor so namhaften Ländern wie Mazedonien, Litauen, Island und Liechtenstein war die letzte Chance für Irland zur WM 1998 zu gelangen das Relegationsspiel gegen Belgien. Das Hinspiel endete 1:1 und für uns war klar, daß ein Besuch in Brüssel zum Rückspiel Pflicht ist. Die schwierige Ticketfrage (15000 Iren wollten fahren, 7000 Tickets gab es) gestaltete sich am Ende sehr einfach (dank an Brian von Galway United FC), so daß wir sogar das für den Belgien-B-- LOCK erworbene Ticket wieder verkaufen konnten und uns alle in den Irland-B-- LOCK setzen/stellen konnten. Weitere Tickets von Iren wurden einem vor dem Stadion angeboten. Leider saß das Gros der Iren mal wieder, doch erstmalig gab es auch drei Gruppen, die das ganze Spiel über stehen blieben und zu denen wir uns gesellten. Es war ein grandioses Spektakel. An jeder Straßenecke Brüssels waren grün-weiß-orange Farben, die Kneipen im Europa-Park neben dem Atomium und dem Stadion wurden von den Iren beherrscht und die belgischen Fans in die Feierstimmung mit einbezogen. 8000 Iren im Heysel-(jetzt König-Baudoin-)Stadion mit ca. 180 Transparenten, einem überdimensionalen Guinness-Glas. einem bengalischen Feuer und ca. 50 bodhrums (irische Trommel) gaben ein eindrucksvolles Stimmungsbild ab (ein „Soldiers Song1“oder „Fields of Athenye“ aus 8000 Kehlen stellt alles bisher erlebte in den Schatten). Die Iren waren guter Dinge, so daß 90 Minuten angefeuert wurde, und nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich durch Urgestein Ray Houghton freute man sich auf den Abend in grün-weiß. Leider erzielte der überragende Luc Nilis aus stark abseitsverdächtigter Position das 2:1 und Cascarino vergab kurz vor Schluß das 2:2. Die Iren feierten trotzdem ihre Mannschaft, dann die belgische Mannschaft, um abschließend die Ordner mit den merkwürdigen Abkürzungen auf dem Rücken zu feiern. Selbst in dem von den Belgiern extra zur WM komponierten, fürchterlichen Techno-Lied („champions of the universe, champions of the world“) wurde abgetanzt. Die laute Musikeinspielung (und besonders dieses Lied kam alle 5 Minuten) vor und nach dem Spiel sowie in der Halbzeit ging uns ziemlich auf die Eier und läßt schreckliches für das Beiprogramm der WM erahnen. Der im Cabrio auf der Tartanbahn herumfahrende Stadionsprecher hielt es nicht einmal für nötig, den Hinweis auf die Sperrung der Metrostation nach dem Spiel auch in Englisch zu geben, so daß wir um das Stadion herumirrten, um die alternativ genannte Station zu finden. Schließlich landete man nach einem Spaziergang von 20 Minuten durch den Europa-Park wieder an der ursprünglichen Station, die von einem Polizisten abgesperrt wurde. Von dort fuhren auch zwei Straßenbahnen mit jeweils einem Waggon im 20-Minuten-Takt. Das war für 500 Iren nicht gerade ausreichend und so waren wir erst 1,5 Stunden nach Verlassen des Stadions wieder in der Innenstadt. (Anm. d.T.: Das Stadion total versitzplatzen. aber katastrophale An- und Abfahrtswege, wie in der Kreisklasse. Dazu dämliche Bullen, nervige Ordner und Zäune überall - alles für lächerliche 45,- DM. Ein Hoch auf die WM!)
Die Kneipe als Treffpunkt mit Stephen von Cliftonville FC (wie immer bei den Iren ein irischer Pub mit mega-teurem Bier) war zu diesem Zeitpunkt schon überfüllt und wir ließen den Abend in einer Kneipe um die Ecke ausklingen, die von 50 Iren und einigen mit teuren Kostümchen und edler Umhängetasche bestückten Einheimischen zur Disco umfunktioniert wurde. Nett anzusehen, wenn 50-jährige wohlbeleibte Iren und Irinnen zu Elvis oder anderen 60er/70er-Jahre Liedern ihren Körper bewegen, um dann ekstasisch die Arme zu diesem Techno-Lied aus dem Stadion (das auch hier alle 10 Minuten gespielt wurde) hochzureißen und mitzusingen (man soll auch einige St.Pauli-Fans gesehen haben die das Lied abgrundtief schlecht fanden um, dann doch in der Kneipe wild zu tanzen und sich zum Affen zu machen (wie bitte? Wer soll das denn gewesen sein? d.T.)). Zwischendurch wurden noch diverse irische Folksongs gesungen und dem lecker belgischen Bier gefrönt. Um 3 fuhr uns dann ein beknackter Taxifahrer wieder zum Auto und nach 4 Stunden Schlaf ging es zurück nach Haus. Der Ausflug zu einem Irland-Spiel hat sich mal wieder voll gelohnt, auch wenn man von den Belgiern bei so einem wichtigen Spiel mehr hätte erwarten können als nur ein paar „Belgium“-Rufe und zum Technolied das ausgegebene (orangene!) Fähnchen zu schwenken. Die belgischen Fans sind allerdings nicht die einzigen, die das orangene Fähnchen hochhalten. Auch die Loyalisten/Unionisten im Norden Irlands kämpfen weiterhin vehement gegen einen lang währenden Frieden in den sechs Grafschaften. Durch die Initiative von Gerry Adams (Vorsitzender von SinnFein) und das Eingeständnis der britischen Regierung nicht auf die Abgabe der Waffen zu beharren, erklärte die IRA einen neuen Waffenstillstand. Sinn-Fein durfte an den Alt-Parteien-Gesprächcn teilnehmen, wobei im Gegenzug allerdings die unionistisch-loyalistischen Parteien mit Ausnahme der UUP ihren Rückzug erklärten. Die UUP trat mit jungen Nachwuchspolitikern an, die nichts anderes zu tun haben als Witze zu reißen und die Nationalisten um SinnFein und der SDLP zu bepöbeln. Ein Fortschritt ist derzeit nicht erkennbar, was die Hardliner in der IRA dzun veranlaßte, nach der Abwahl von Kritikern des Friedensprozesses im Armeerat die Untergrundarmee zu verlassen. Ca. 20 der Führungsebene und insgesamt ca. 200 Leute verließen die IRA, ohne bisher der INLA, dem Continuity Army Council, beizutreten oder eine neue Splittergruppe zu gründen. Teilungen in der Geschichte der nationalen Befreiungsarmee sind nichts Neues, doch jedesmal (1922, 1970, 1986) wurde damit der Kampf geschwächt. Auch jetzt frohlockt die konservative Partei der Briten Tones, daß die Bekämpfung der IRA jetzt einfacher wäre. Die Tories glänzten zuvor auf einem Parteitag mit der Aussage des früheren Staatsministers des Verteidigungsministeriums Alan Clark, daß als Lösung für den Nordirland-Konilikt einfach „600 IRA-Terroristen und Sympathisanten erschossen werden und dann die Proteste der UNO 20 Jahre ausgesessen werden müßten. Dann wäre Ruhe da oben“. Die Loyalsten versuchen anderweitig ebenfalls den Friedensprozess zu beenden, indem sie (die Loyalist Volunteer Group) Bomben an der Grenze zu Süd-Irland legen und damit die IRA als Verteidiger der Nationalisten herausfordert. Wenn die Briten als Verhandlungsführer nicht bald Druck auf die Unionisten machen, sich an den Verhandlungstisch zu bewegen und Lösungen bei den Gesprächen zu erreichen oder der nationalistischen Bevölkerung Zugeständnisse macht, wird sich die Unterstützung für den Waffenstillstand weiter verringern und eine neue Kampagne der IRA
Beginnen.
Ich möchte zu Celtic und dem FAI-Team auch noch ein paar Wörtchen loswerden. Manchmal fallt es mir nämlich verdammt schwer, Celtic oder die Mannschaft der 26 Grafschaften zu unterstützen. „Boys against bigotry" läuft genau auf der Schiene, deren Entwicklung von aktiven/interessierten Fußballfans seit Jahren mit großer Sorge beobachtet wird: Der Fußball soll einem neuen Publikum erschlossen werden. Vollständige Versitzplatzung und horrende Preise haben das Publikum im Parkhead teilweise schon umstrukturiert. Viele finanzschwächere Celts sind vom Besuch praktisch ausgeschlossen worden, vor allem wenn sie aus Irland kommen und noch die Überfahrt bezahlen müssen. Doch Fuckin' Fergus geht das noch nicht weit genug. Celtic soll für ein breiteres und vor allem finanzstärkeres Publikum interessanter werden. Potentielle Sponsoren könnten ja von Rebel-Songs abgeschreckt werden. Man muß sich das mal vorstellen: In allen Stadien der Welt, sogar im Ibrox, sind irische Fahnen und Rebel-Sonx selbstverständlich erlaubt, nur nicht in der Heimstätte Celtics. Was so unfaßbar klingt, ist leider bittere Realität in Glasgow: Der Ordnungsdienst schmiß bereits diverse Fans raus und erteilte Stadionverbote! Das Problem ist, daß diese kaum die Möglichkeit haben sich zu wehren. Die Nachfrage nach Dauerkarten ist so groß, daß es sich der Club locker leisten kann, „unerwünschte Elemente" aus dem Stadion zu verbannen. Deshalb haben bisher alle Proteste - vor allem von den zahlreichen irischen Fan-Clubs, die ihre eigene Landesfahne nicht mitnehmen dürfen - keinen Erfolg gehabt. Es ist dermaßen zum Kotzen, daß ich den Club oftmals verfluche. Doch mir tut es vor allem für die Fans leid, die wohl zu den besten gehören, was Europa zu bieten hat. Hoffen wir auf nächstes Jahr mit Celtic im Europacup, diese Spiele sind hundertprozentige Highlights! Ähnlich ergeht es mir bei Irlands (Republik) Auswahlteam und seinem Verband FAI. Daß sich das Team aus einem zusammengewürfelten Haufen von Legionären zusammensetzt, die manchmal wegen einer irischstämmigen Großmutter ins Team gekommen sind, finde ich überhaupt nicht verwerflich. Schließlich war und ist die Emigration ein wichtiger Bestandteil der irischen Geschichte, und die Anzahl von Iren/Irischstämmigen auf der ganzen Welt ist sicherlich 30-40 mal größer als die Bevölkerungszahl von Irland selbst. Leider scheinen einige im Team herzlich wenig von ihrer „Heimat“ zu wissen/begreifen. Daran hat allerdings die FAI nicht wenig Schuld. Der Verband hat sich beim Spiel in Island dermaßen ins Abseits gestellt, daß es zum Haareraufen ist. Die Mannschaft trat tatsächlich mit schwarzen Armbinden das Spiel an. Und warum? Weil die ehemalige Frau des britischen (!) Thronfolgers bei einem Autounlall ums Leben gekommen ist. Im Gegensatz, zu Lady Di(e) haben die sechs Irland-Fans, die 1994 ermordet wurden, zum irischen Team gehalten. In einem Pub in Loughimsland (six countics) schauten sie im TV die Begegnung gegen Italien, als ein UVF-Kommando die Kneipe stürmte und wild um sich schoß. Bei diesem entsetzlichen sektiererischen Mord wurden sechs Irland-Supporter getötet. Und die FAI? Keine Trauerbinden, keine Schweigeminute. Aber für Diana. Ihr seid so scheiße! Aber ähnlich wie bei St.Pauli und Celtic bleibt einem nichts anderes übrig, als das „Gesamtkunstwerk“ Irand zu supporten. Die grün-weiß-orangen Fans sind einfach fantastisch, davon kann jeder, der mal ein Irland- Länderspiel besucht hat, ein Liedchen singen (Soldiers Song?). Es war schon einmalig, 8.000 Iren im Heysel-Stadion und in den Pubs vor und nach dem Spiel zu erleben - die können einfach singen, davon sollten sich alle mal ein Scheibchen abschneiden! In diesem Sinne: Tiocfaidh Ar La!
(Bericht von Heiko und Raphael aus Splitter Nr. 15)
|
| 21.08.1997, [Heiko und Raphael (im Splitter)] |
|
|