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Neues aus Nordirland (Cliftonville FC vs. Ballymena Utd,14.10.2000)

Was macht man eigentlich bei einem Urlaub in Irland so? Richtig, man schaut sich die schöne Landschaft an. besichtigt Museen, unterhält sich im Pub bei irish-folk mit einem kühlen und gut gezapften Guinness in der Hand mit den Iren und schaut sich Fußball an. Da ich schon mehrmals in Irland (Republik und Nord-Irland) war. standen mir eine Reihe von Fußballclubs zur Auswahl. Die Sache hatte aber einen Haken, während die Vereine in der Republik Sonntags spielen, werden die Partien in Nord-Irland an Samstagen ausgetragen. Da ich am Sonntag zurückfliegen wollte, um unseren glorreichen FC St. Pauli zu sehen, schieden die Vereine aus der League Of Ireland (Republik) somit von vorne herein aus. Blieben also nur die Clubs der Irish League (Nordirland) übrig. In dieser Liga gehört einem Verein meine volle Sympathie, den ich auch schon vorher supportet habe, nämlich Cliftonville FC. Cliftonville FC vs. Ballymena Utd wollte ich mir anschauen. Bevor ich aber über das Spiel berichte, noch einige Hintergrundinformationen über meinen Lieblingsclub in Irland. Gegründet wurde Cliftonville Football & Athletic Club am 20. September 1879 unter Mitwirkung des protestantischen Belfaster Geschäftsmanns John McAlery. Der CFG ist der erste und älteste Fußballverein auf Irlands Boden. Die ersten nationalen Meisterschaften in Gesamtirland holte der CFC 1906 (mit Distillery) und 1910 (gutes Jahr). Die letzte Meisterschaft gewann einer der ärmsten Clubs der nordirischen Liga mit einem Minietat 1998. Cliftonville FC ist geographisch im Norden von Belfast rund um die Cliftonville Street im gleichnamigen Stadtteil beheimatet. Seit der Teilung kam es immer wieder durch ausbrechende Unruhen zu massiven Bevölkerungsverschiebungen innerhalb Belfasts. In den langen Jahren (seit 1921) der Stormont Diktatur, d. h. der Errichtung eines „Protestant State for Prostestant People" (also quasi der Errichtung eines Apartheidsystems von Großbritannien geduldet), veränderte Cliftonville durch das Anwachsen der pro-irischen Community langsam sein Gesicht. Heute leben beide Communities in ein- und demselben Stadtteil getrennt durch die „Peaceline" (ähnlich der Berliner Mauer) zusammen. Der CFC war in der Vergangenheit immer rührend darum bemüht für beide Bevölkerungsgruppen des Stadtteils ohne Rücksicht auf die konfessionelle bzw. politische Ausrichtung seiner Besucher, da zu sein. Leider waren aber gerade in den Jahren der Unruhen die Clubs mit einem pro-irischen Hintergrund vielen Diskriminierungen des Fußballverbands und den RUC-Schergen (Royal Ulster Constabulary) ausgesetzt. Beispielsweise durfte Cliftonville seine Heimspiele gegen Linfield FC (sowas wie die Rangers), wegen den von Linfield-Anhängern provozierten Ausschreitungen im Jahre 1970, nicht mehr im heimischen Solitude austragen, sondern mußte im Windsorpark spielen mit der Begründung, dass dort die Sicherheit für die Besucher gewährleistet wäre. Dieses Argument war mehr als zynisch berücksichtigt man, das der Windsorpark im Süden Belfasts und somit in einer loyalistischen (loyal zur Krone - darunter versteht man eine extremistische Form des Unionismus mit einer klaren faschistischen/rassistischen Haltung gegenüber allen was nicht „völkisch / protestantisch“ d h. britisch ist - darüber hinaus unterhalten einige „loyale" Gruppen sehr gute Kontakte zur Blood and Honour, einer faschistischen Mörder- und Brandstiftergruppe aus GB) Hochburg liegt, und die Fans aus dem Norden und Westen der Stadt sich nicht sicher fühlen konnten vor Übergriffen des loyalistischen Mobs oder der RUC-Schergen. Seit dem Karfreitagsabkommen (Friedensprozeß unter Beteiligung aller Gruppen) hat sich die Lage für die Zuschauer und Fans spürbar entspannt. Cliftonville FC darf seit der Saison 99/00 seine Heimspiele (zwar unter hohen Sicherheitsauflagen) gegen Linfield wieder zu Hause im Solitude austragen. Der Verband wird nach und nach von parteiischen Funktionären befreit und langsam demokratisiert. Die Bullen (RUC sollen It. Friedensabkommen aufgelöst werden und eine neue Polizeitruppe die beide Bevölkerungsgruppen repräsentiert soll aufgestellt werden, was aber leider noch immer nicht geschehen ist) halten sich stärker im Hintergrund und versuchen auch nicht mehr unnötig durch ihre Anwesenheit in den Stadien zu provozieren. Das war also die Ausgangslage um mir ein Spiel der Nordinschen Liga anzuschauen. Ich hatte am morgen eine lange Anreise per Bus zu bewältigen, die mich von Mullin Head (nördlichster Zipfel Irlands) mit umsteigen in Derry nach Belfast führen sollte. Das Bussystem ist eigentlich recht gut ausgebaut, ist aber nicht ganz ohne Tücken, da die Iren aus antibritischer Tradition ein doch eher eigenwilliges Verhältnis zur Pünktlichkeit pflegen. Funktionierte dann aber alles prima und so erreichte ich Belfast um 12 45 Uhr, und hatte noch etwas Zeit mich zu stärken. Danach suchte ich ein Taxi um an den vereinbarten Treffpunkt vorm Solitude mit Stephen um 14 00 pünktlich zu gelangen (was ich wohl auch aus Solidarität zu den Iren nicht pünktlich schaffte). Der freundliche Fahrer war schon ein wenig verwundert, das ein Deutscher Touri sich ein Ligaspiel in Nordirland anschauen wollte. Wegen eines Unfalls auf der Cliftonville-Road mußten wir dann einige kleine Umwege auf dem Weg zum Stadion in Kauf nehmen. Dort angekommen erlebte ich die berühmte irische Gastfreundschaft, die wohl ihres gleichen sucht. Da ich meine Habseligkeiten komplett mit hatte, wollte ich diese als erstes einmal sicher deponieren. Der Taxifahrer gab mit besten Belfaster Slang dem Ordner vorm Stadion zu verstehen, das ich aus Deutschland komme Dank Stephens blendender Organisation (nehme ich jetzt einfach mal an) durfte ich mich ohne Karte in den Innenraum des Solitudes, um auf zum Clubheim zu gelangen. Eigentlich wurde ich dabei mehr zu Stephen durchgereicht. Als ich ihn dann schließlich gefunden hatte war dieser voll in seinen Element und erklärte einen anderen Deutschen aus Bremen, der seine komplette Fotoausrüstung mitgebracht hatte, die gesamte(!) Geschichte des Vereins. Ich durfte dann irgendwann meine Klamotten im Sekretariat des Management-Committee deponieren. Die Menschen waren überaus locker und aufgeschlossen so das ich mich noch kurz mit den einen oder anderen Vereins-funktionär über Fußball unterhalten konnte Dann kaufte ich mir leider eine Sitzplatzkarte (war eigentlich ein Fehler) für 6 britische Pfund (also umgerechnet ca. 18,-) und ein Stadionprogramm für 1 Pfund. Der Gegner des heutigen Partie. Ballymena United hat einige Gemeinsamkeiten zu Cliftonville aufzuweisen: Beide Vereine haben wenig Geld und müssen daher auf Eigengewächse zurückgreifen (kennt man doch irgendwo her!). Auch gehören beide nicht zu den erfolgreicheren Vereinen Nord-Irlands. Cliftonville war bis zu diesem 10. Spieltag Tabellenführer. Das Spiel begann vor etwa 1200 Zuschauern dann auch mit einem Paukenschlag für Ballymena, die schon in der 2. Min. durch McNicholl, der bis dahin noch nie in dieser 1. Liga gespielt hatte, in Führung gingen. Danach plätscherte das Spiel so vor sich hin. Das Niveau dieser Partie hatte allenfalls Oberliga bestenfalls Regionalliga Niveau Ein richtiges Passspiel konnte man bei beiden Mannschaft nicht ausmachen. Es war klischeehaft ausgedrückt ein einziges „Kick & Rush" Gebolze. Bis zum Pausentee passierte dann auch nicht mehr viel. Die Stimmung war sehr lausig, was auf mein Nachfragen damit begründet wurde, das ein nicht unerheblicher Teil von Supporters sich in Glasgow aufhielten, um Celtic anzufeuern. Auch die rund 150 mitgereisten Anhänger aus Ballymena wollten nicht so recht Stimmung machen. In der Halbzeit hatte ich einen tierischen Brand auf ein Bierchen (Guinness) was ich dann im clubeigenen Vip-Raum (waren jedenfalls nur Sponsoren und Funktionäre dort) bekam. Nach dem Seitenwechsel konnte O'Kane in der 48 Min. den Ausgleich herstellen. Ich rechnete jetzt mit einem Sturmlauf der Hausherren. Aber weit gefehlt. Durch viel Dusseligkeit mußte Keeper Ingham in der 68. Min. den Ball aus dem Gehäuse der Heimmannschaft holen. Der 17-jährige Tony Anderson zeichnete für die Führung verantwortlich. Cliftonville mußte sich fast mit seiner ersten Heimniederlage abfinden, als dann in der 92 Min. O'Kane das 2:2 aus spitzem Winkel erzielte. Leider konnte ich das Tor nicht sehen, weil Chefhektiker Stephen seinen offiziellen Pflichten voreilig nachkommen wollte (grrr). Nach dem Spiel durfte ich noch zusammen mit dem Bremer Kollegen der "Pressekonferenz" in den Clubräumen lauschen. Der Trainer von Ballymena verwies dabei noch mal auf die Ausgangslage beider Teams in der Nordirischen Liga. Danach wurde ich von Stephen zum Bahnhof gebracht, wo ich den Zug nach Dublin bestieg. Auf der Fahrt traft ich dann noch zwei andere Cliftonville-Supporter, mit den ich mich noch kurz unterhielt. Um 22.00 traf ich dann nach einem langen Tag in Dublin ein, wo ich dann noch ein bisschen feiern ging! Hier noch ein paar nützliche Tips, falls ihr mal noch Irland/Nordirland wollt: Studenten sollten auf jeden Fall sich für einen Besuch in Irland einen internationalen Studentenausweis (ISIC) besorgen. Vorteil sind die vielen Vergünstigungen (Museen, Bussystem. Dissen usw.) die man dafür bekommt (100 % lohnenswert). In Belfast übernachtet man sehr gut und zentral im International Youth Hostel, 22-31 Donegal Road. Tel. 232-315435. Außerdem sollte man in dieser Gegend nicht unbedingt Celtic/St.Pauli-Klamotten tragen, da genau gegenüber der Rangers Supporters Club Sandy Row (übelst loyalistisch) beheimatet ist. Wie in jeder Großstadt Europas solltet ihr auf eure Wertsachen aufpassen! Das gilt noch mehr für Dublin, wo auch immer ein Blick in die Zimmer des Hostels gewagt werden sollte, will man böse Überraschungen vermeiden. Ein sehr lesenswertes Buch über Nordirland speziell (Kultur, Geschichte, Sport. Politik, Menschen) herausgeben von Dietrich Schulze-Marmeling ist im Verlag die Werkstatt erschienen. Ansonsten gibt es eine Vielzahl von Reiseführern und Büchern für Irland die sehr unterschiedlich sind. Ralf Sotscheck macht da z. B. auch ganz gute Bücher. (Bericht von Detlef aus Nachgetreten Nr. 5)
14.10.2000, [Detlef (in Nachgetreten)]