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Berichte
Quer durch Europa-Tour, 17.-20. September 2001, Juventus Turin – Celtic FC
Mo, 01:50 – die letzten Vorbereitungen auf den wahrscheinlich zweitgeilsten Trip des Jahres (nach der Nürnberg-Tour!) werden abgeschlossen. Aus dem Internet vorher noch ein paar Infos bezüglich Reiseroute, -land und –Sitten eingeholt und sich noch einmal zur Nachtruhe begeben.
Mo, 15:20 – Endlich sitzen alle im Bus. Erst machte sich ein wenig Unruhe breit, da der Bus nicht der versprochene und natürlich auch nicht pünktlich war, doch als die Plätze eingenommen waren, machte sich auch schon die erfahrenen Mitreisenden wohl bekannte Stimmung breit. Wie üblich wird auf das sofortige öffnen eines Bieres verzichtet, schließlich ist das (laut Auswärtsregel Nr.1) erst hinter den Elbbrücken gestattet! (Wird nur problematisch, wenn es Richtung Norden geht...!).
Doch beinah wäre mit dieser Regel fast gebrochen worden, da der Fahrer anscheinend sonst sein Geld mit Stadtrundfahrten verdient. Wir fahren doch tatsächlich über die Mönckebergstrasse... ob das der direkte Weg zur Autobahn ist?
Mo, 15:40 – endlich sind wir auf der Autobahn und somit sind die Getränke freigegeben. Dazu gehört auch der Hochzeits-Champus von Imme und Mitja. „Just Married“ steht auf drei Schildern, die den Bus „schmücken“, eines davon direkt am Platz der frischvermählten.
Mo, 16:35 – die nächste Überraschung was die Route angeht lässt nicht lange auf sich warten: Da wir zunächst in Dortmund und später noch in Pforzheim ein paar Leutchen aufnehmen wollen, würde sich ja die A1 über Bremen empfehlen. Doch wir fahren auf der A7 Richtung Hannover...
Mo, 16:55 – die erste Pinkelpause an der Raste Allertal. Die Stimmung steigt stetig, - wie gewohnt eben. Einen nicht unerheblichen Teil daran, hat eine wirklich schöne Entdeckung, die wir Männer in den Pinkelbecken im Rasthaus vorfanden: Da standen doch tatsächlich kleine Fussballtore aus Plastik drin, zum reinschießen gewissermaßen.... Ein Thomas meldet sich auf meinem Handy und gibt an, dass er erst in Dortmund zusteigen wird, da er in Hamburg wohl etwas zu spät dran war... Sachen gibt’s. Das erste obligatorische Gruppenfoto mit Transparent vorm Bus wird geschossen und weiter geht’s.
Mo, 17:22 – Die Sonne lacht inzwischen vom Himmel. Tja, wenn Engel reisen... Dicken und Massimo entwickeln langsam ein ausgeprägtes Konkurrenzverhalten. Wer ist Reiseleiter? Dicken, vom Fanladen shanghait, wird bis zur Staatsgrenze zum RL1 ernannt, Massimo ist RL2. Die Frischverheiratete unternimmt dringend notwendige chirurgische Eingriffe bei den spätpubertierenden Mitreisenden, sprich; Pickel ausdrücken ist angesagt.
Mo, 18:00 – es wird beschlossen, dass auf dem Bord-WC nur noch im Sitzen gepinkelt werden darf. Auch werden die Handy-Nummern von RL! Und RL“, sowie von Imme und mir ausgetauscht, aufgeschrieben und als improvisierte Word-Datei durch den Bus gereicht. Übrigens ist der Busfahrer nicht extra nach Hannover rein gefahren, sondern nahm (glücklicherweise) die Querverbindung zur A2 Richtung Dortmund...
Mo. 18:25 – während andere jetzt zuhause „Marienhof“ gucken, stehen wir im Stau. Widererwartend löst sich dieser rasch wieder auf und es geht weiter. Aus den Boxen dröhnen die „Tollsten Fussball-Vereins-Lieder“ – Hurra!
Mo, 18:55 – die 2.Pause und der erste Fahrerwechsel auf einem Parkplatz 98 km vor Dortmund. Das Klohäuschen stinkt zum Himmel und so benutzen nur wenige Frauen diese Örtlichkeiten. Als Brigitte sich den Weg durch die Dämmerung bahnt, läuft sie zielstrebig auf den Bus zu, den sie für den unseren hielt, wie sie mir später versicherte. Doch dann wars ein Krombacher Bier- Laster.
Mo, 19:11 – es geht weiter. Gütersloh und Verl lassen wir links liegen – wir wollen in den Süden! Eine weitere Annehmlichkeit dieser (langen) Fahrt wurde gerade entdeckt: Man muss nicht halbwegs nüchtern bleiben, um nach ein paar Kilometern und einigen Stunden noch ins Stadion zu kommen. Man darf sich langsam in den Schlaf trinken...
Mo, 19:30 – Marco meldet sich aus Dortmund. 9 Leute stehen bereits am Treffpunkt. Ich raten ihnen nicht dort stehen zu bleiben, sondern sich hinzusetzen, da es doch noch etwas dauern könne...
Mo, 20:00 – Thomas meldet sich. Auch er ist in Dortmund angekommen. Ich beschreibe ihm den Weg zu Treffpunkt. An Bord übernimmt der Ehemann nun die Einreise-Leitung in die Ruhrpottmetropole des BVB, da er aus der Nähe (Hamm) kommt. Iggy Pop’s „The Passenger“ lässt die Stimmung steigen, bevor TonSteineScherben mit „Der Turm stürzt ein“ kurzfristig für Verwirrung sorgen. Mit der sechsten Tüte wird die ausgegebene Etappen-Ration exakt eingehalten...
Mo, 20:20 – wir irren in Dortmund umher. Welche Richtung muss man in diesem bescheuerten Kreisel denn nehmen, damit man endlich zum ZOB kommt, verdammt nochmal?!!! So langsam nervts! Da, endlich – ein paar dunkle Gestalten winken aufgeregt, das müssen sie sein! Und tatsächlich steigen Amir und Co. zu uns ein.
Mo, 20:45 – wir versuchen diese Stadt gerade wieder zu verlassen. Schätze, dass es sich nur um wenige Stunden handeln kann. Also beginnen wir die zweite Etappen-Ration anzubrechen. Im TV läuft ein Wolvetones-Video und in einer Linkskurve fällt mir Amir plötzlich auf den Schoß. Ruhig Brauner, es gibt ja für alle was...
Mo, 21:37 - ein anderes Video soll rein. Dies wird von der Menge an den RL1 weitergegeben, dieser wiederum informiert das fahrende Personal, von denen einige Reisende inzwischen eine nicht mehr allzu gute Meinung haben. „Die Lüftung geht nur ON oder OFF, das Radio nur VOL.+ und VOL.-“, meinen die beiden hilflos wirkend und dazu drücken sie wahllos auf irgend welchen Knöpfen herum. Doch die Härte ist, dass sie nun nach dem Eject-Knopf vom Videorecorder suchen! Nach einer ¾ Stunde ist auch dieses Problem gelöst...
Mo, 22:15 – wieder mal Pause. Wegen „technischer Probleme“ gab es die letzte Zeit keine Musik mehr, - da haben wir halt selbst gesungen. Sozusagen schon mal warmsingen für die Celts.
Mo, 23:00 – die Anlage funktioniert wieder, das WC wurde irgendwie entleert, nur war kein Wasser zum auffüllen da, weshalb alle aufgefordert wurden, Wasser in Flaschen und Dosen mitzubringen! Wird wohl fürs erste genügen. Über den Bildschirm flattern Bilder vom ungeschnittenen Glasgow-Tour-1996-Video... soll vier Stunden dauern. Wie viele andere auch, bereite ich mein Nachtlager vor. Man weiß ja, wie schnell das gehen kann, das man dieses plötzlich dringend benötigt.
Di, 00:08 – ein Großteil schläft mehr oder weniger entspannt. Auch der RL1 hat sein Haupt zum Schanken frei gegeben. Auf die Frage, ob ich seinen Zustand beschreiben könne, fällt mir nur ein: Stellt ihm Fragen, - er wir sie alle mit einem zustimmenden Nicken bejahen... Die Aufforderung sich langsam um den Verbleib unserer mitgeführten Drogen Gedanken zu machen geht rum, und so wird zur Beratschlagung erstmal einer gerollt.
Di, 01:15 – dieses Land kann ganz schön groß sein wenn man es im Zickzack durchfährt ist mein letzter Gedanke. In der Nachbarreihe wird Skat gekloppt, und anscheinend haben die da sogar Möbel: „Ey guck doch, drei mal sieben aufm Tisch!“. Mir schwahnt, dass es sich wohl doch eher um ein anderes Kartenspiel handeln muss.
Di, 02:00 – viele wissen genau wie ich nicht, ob und wie sie schlafen sollen, also wird die nächste Runde feiern eingeläutet. Nachtschicht eben. Sam hat inzwischen „Undercover“ in den Video gelegt und die Bilder sind ja auch ganz nett, ich bezweifel aber, das noch irgendjemand der Handlung folgt, – folgen kann.
Di, 04:17 – ups, da hab’ ich doch ein wenig geschlummert. Hab ich was verpasst? Wo sind wir? Das nächste Straßenschild gibt Aufschluss: Ulm-West. Hm, geht’s hier wirklich nach Turin? Der wachgebliebene Teil der reisenden mokiert sich zunehmend über die technischen und geografischen Unkenntnisse der Wagenführer. Erste Meutereigedanken kommen auf.
Di, 04:34 – in Ulm, um Ulm und um Ulm herum...
Di, 06:31 – nach schier unendlichen Bodensee-Rundfahrten überqueren wir eine Grenze. Nach Österreich! Wieso jetzt das? Wollten wir nicht über die Schweiz fahren??? Dass die Busfahrer am Grenzübergang Diepoldsau eine Vigenette erstehen müssen erstaunt sie offenbar sehr. „Man hätte mir schon sagen müssen, wo ich längsfahren soll“, meint plötzlich einer der Fahrer, als er ein Murren vernimmt. Ob wir denn jetzt über Bregenz fahren würden? „Bregenz? – Davon war nie die Rede. Ich denke ihr wollt nach Turin?!“. Ohne Worte. Ich drehe mich nochmal um...
Di, 08:22 – nach etwas Schlaf öffne ich meine Augen und erblicke schweizer Straßenschilder!?!?!? Aaaarrrrggghh!!! Fahren die eigentlich nach den Sternen oder haben die anstelle von Landkarten einen Globus mitgenommen? Wissen die überhaupt, dass Turin in Italien liegt? Vielleicht sollte man denen mal sagen, dass das dort aber Torino heißt, nicht dass sie nachher kommen und sagen, „von Turin stand da nix...“!
Dazu der passende Song (nach der Melodie von „Ich war noch niemals in Paris“ von Udo Jürgens): Ihr wart noch nie aus Hamburg raus, ihr findet niemals nach Turin, hoffentlich kriegt ihr den Weg zum Klo noch hin...
Di, 09:40 – in den Serpentinen der Schweiz wird eifrig diskutiert. Massimo versucht mögliche Standorte für den Bus in Turin vorzuschlagen, doch die gehen im allgemeinen Lärm unter. Ich glaube, er ist einwenig genervt. Ich dreh mich wieder um...
Di, 12:00 – Erwachen bei herrlichem Sonnenschein, draußen mögen es bestimmt über 22° sein. Und auch die Schilder halten der ersten Überprüfung stand, - sie sind auf italienisch! Juhu! Laut Massimo sind es noch 120 km bis Torino. Da meldet sich der Busfahrer: „Torino? – Das hätte man mir aber sagen müssen, da hätte ich ne kürzere Strecke gewusst!“. Halt’s Maul!
Di, 13:00 – Kurz vor Torino (!) gibt es wieder Diskussionen, wo denn der Bus am besten und günstigsten er-reichbar abge-stellt werden soll. Manche plädieren für „irgendwo in der Stadt, da man nach dem Spiel ja dort noch feiern will“, ein anderer Teil möchte den Bus lieber direkt am Stadion sehen. Auf jeden Fall wird der Treffpunkt für nach dem Spiel festgelegt: Um 23 Uhr an der alten Eiche, äh... der alten ESSO-Tankstelle gegenüber vom Stadio del Alpi. Okay, alles klar und los!
Di, 14:00 – Nach einer Stunde Stadtrundfahrt mit allerlei interessanten Infos durch unseren ortskundigen Reiseführer durch die Stadt des Martini, parkt der Bus dann auf einem großen Platz mitten im Centro, dem Piazza Vittorio Veneto. Imme will vor Hunger sterben und Massimo schickt uns auch sogleich zu einem Restaurant, wo wir essen bekommen sollen. Wir bräuchten nur seinen Namen erwähnen, zahlen können wir später. Na dann mal sehen.
Di, 14:30 – das Restaurant „Cologne“ haben wir schnell gefunden und nun gibt’s erstmal was zu Futtern. Tatsächlich klappt das mit der Erwähnung des Namens vom RL2 und ich finde sogar raus, dass um die Ecke eine Bank ist. Zwar noch geschlossen, aber mit Automat. Die Folge ist eine ziemlich lange Schlange davor, denn kaum jemand hat wohl in Hamburg Lire getauscht.
Di, 15:25 – Jan und ich haben es uns auf einem Piazza gemütlich gemacht und lassen uns die Sonne auf den Pelz scheinen. Um uns rum ist alles in Grün und Weiß, jede Menge Hoops – und wir mittendrin statt nur dabei... An einer Kneipe gibt es laut Aussage eines Schotten „das billigste Bier der Stadt“... für 0,4 löhnt man 8000 Lire, das sind mal eben acht Märker...
Di, 16:05 – Nachdem die Hungrigen im „Cologne“ abgespeist worden sind, verteilt sich unsere Bezugsgruppe auf den vielen kleineren und größeren Plätzen der Stadt. Ich verliere kurzfristig den Überblick, doch irgendwie finde ich die Busse, die uns zum Stadion bringen sollen dann doch. Ich laufe einfach mit der grün-weißen Menge mit.
Di, 18:50 – Irgendwann in den letzten Stunden habe ich meine Bomberjacke gegen ein Trikot getauscht. Prima Idee, denn es ist immer noch sauwarm! Einen Film für meine Kamera bekomme ich auch noch in einem Kiosk, doch abermals verliere ich meine Bezugsgruppe. So steige ich mit in irgendeinen Bus, - es sollte eine unvergessliche Fahrt werden...
Wie mir später erzählt wurde, sah meine Bezugsgruppe mich an den Bussen vorbei torkeln und niemand gab noch einen Pfifferling darauf, dass ich es bis zum, geschweige denn ins Stadion hinein schaffen würde. Aber ich schaffte es und zwar äußerst souverän. Am Stadion angekommen, schnappe ich mir den erstbesten Steward, zeige ihm die Karte die Massimo mir gegeben hatte und zusätzlich mit den Worten „German Press“ meinen Presseausweis. Eigentlich wollte ich nur zum richtigen Eingang geleitet werden, aber irgendwie hat der junge Mann was falsch verstanden. Er führt mich ins Innere des Stadio del Alpi, durch die Katakomben, in den VIP-Pressebereich, direkt zum kalten Buffet! Na prima, denke ich und greife zu. Nach einem kühlen Getränk fragt er nich dann, ob er mich nun zu meinem Platz bringen darf. Er darf...
Di, 19:30 – ich stehe auf meinem Platz. Tausende von durchgeknallten Celts um mich herum, und plötzlich steht auch Brigitte wieder neben mir... und auch all die anderen treffe ich wieder.
Di, 20:00 – Durst! Der Weg zu Getränkestand ist nicht weit, doch es gibt nur Wasser oder Pepsi. Und natürlich ohne Deckel – damit könnte man ja werfen! Ich frag mich, wie das gehen soll, mit so einem kleinen leichten Plastikding über hundert Meter einen Spieler zu verletzen...?! Aber na gut, darüber reg ich mich jetzt nicht auf, dazu ist es hier viel zu schön!
Di, 20:45 – Anpfiff. Endlich. Die Celts spielen gut mit, von einer Übermacht von Juve kann keine Rede sein. Doch kurz vor der Pause locht der Franzose Trezequet zum 1:0 ein. Mist.
Di, 22:32 – es ist zum Heulen. Kurz nach dem Wiederanpfiff schießt wiederum Trezequet das 2:0. Celtics Petrov verkürzt per 30m-Freistoß auf 2:1 (70.) und kurz vor Ende gleicht Hendrik Larsson per Foulelfmeter sogar aus! Doch Schiri Helmut Krug lässt noch etwas nachspielen und dann pfeift er den lächerlichsten Elfer, den ich je gesehen habe. Amoruso tritt an – und 3:2 in der 92. Minute. Das ist gemein!
Nach dem Abpfiff „dürfen“ die Gästefans noch etwa eine halbe Stunde im B-- LOCK bleiben, - die St.Pauli-Brigade sammelt sich. So langsam wird es doch kühler, - ich wärme mich mit einer Irland-Fahne. Nach ein paar Jahrhunderten kommt endlich ein Bus für uns, der uns ins Stadtzentrum fährt. Wieder einige Lichtjahre später latschen wir durch die City zu unserem Bus, wo schon das Hochzeitspaar wartet.
Körperhygiene und Nahrungsaufnahme (fest & flüssig!) ist angesagt. Die Fahrer sollen sich angeblich angestrengt auf die Rücktour vorbereitet haben. Na, dann kann ja eigentlich nichts schief gehen...
Mi, 01:15 – wir sitzen endlich alle im Bus und es geht los.
Mi, 02:34 – eine kurze Pause auf einer Raststätte. Beim Pinkeln über die Leitplanke entdecke ich drei schwarzgekleidete Gestalten, die über den angrenzenden Acker robben. Ich winke und rufe ihnen zu, doch keine Reaktion. Die drei versuchen sich noch dichter an den Boden zu drücken,... die wollen wohl nicht gesehen werden. Da wir uns im Land der Mafia befinden, beschließe ich, aus Sicherheitsgründen nicht weiter nachzuforschen. Um aber später nicht der Hirngespinste verdächtigt zu werden, hole ich mir noch schnell einen Augenzeugen ran...
Der Bus rollt weiter durch Italien. Ein Blick aus dem Fenster offenbart plötzlich ein Schild mit der Aufschrift: „Venezia“...! Scheiße, wir fahren in die falsche Richtung! Aber anstatt an der nächsten Ausfahrt raus zu fahren und umzudrehen, überlegen sich die beiden Schlaumeier, dann eben am nächsten Autobahnkreuz in Richtung Norden „abzubiegen“. Ich fass es nicht! Mordgedanken!
Mi, 08:45 – ich erwache, weil der Bus langsamer rollt und staune nicht schlecht: Die Schilder sind auf Deutsch. Wir haben immerhin gerade die Schweizerisch-Deutsche Grenze überschritten... In sechs Stunden haben wir es von Turin bis hierher geschafft. Wieder Mordgedanken!
Beim Frühstück (welches ich ausschlage) habe ich immerhin die Gelegenheit, mein Handy aufzuladen. Ansonsten hält sich meine Laune in Grenzen. Doch nach einigen aufmunternden Worten von der Ehefrau kann auch ich schon wieder lächeln...
Beim Einsteigen kommt es noch zu einem aberwitzigen Dialog, zwischen einem Busfahrer und einem Fan, die einen anderen Bus betrachten. Fahrer: „Den Bus möchte ich aber nicht fahren wollen.“ – Fan: „Der hat aber ein Navigationssystem!“ – „So etwas brauchen wir doch nicht!“... ohne Worte. Doch es kommt noch besser: Auf die Frage, ob man sich denn in Italien verfahren hätte, kommt doch prompt „ Wir haben uns nicht verfahren. Wir haben nur die Schilder gesucht und nicht gefunden. Aber das weiß man doch, dass in Italien immer alles geklaut wird!“ – na herzlichen Glühstrumpf...
Mi, 10:20 – Nach knapp einer halben Stunde halten wir schon wieder, - Tanken. Ich beschließe meinen Getränkevorrat wieder aufzufüllen. Neben ein paar Bierchen soll es auch ein kleiner Jägermeister (sozusagen als Not-Narkotikum im Ernstfall!) sein. Also bestelle ich bei der Verkäuferin „einen kleinen Jägermeister, bitte“. Sie: „Ja gern, welche Sorte denn?“... Ich war so perplex, dass ich nicht auf die Antwort „light“ kam...Erschüttert besteige ich wieder den Bus.
Mi, 11:06 – Die Stimmung schwankt zwischen Fassungslosigkeit, Erstaunen, Wut und unerklärlichen Lachanfällen. Blondinenwitze sind out – Busfahrerwitze sind in! Nebenbei scheint sich eine Untergrundgruppe formiert zu haben, die anscheinend ernsthafte Gedanken daran verschwendet, die Busfahrer beim nächsten Stop an die Leitplanken zu fesseln!
Mi, 11:20 – der erste Stau. Na prima. Inzwischen fragen wir uns, ob wir es zum Amateurspiel am Freitagabend um 20 Uhr schaffen werden... Wie auf dem Hinweg fahren wir wieder über Pforzheim und Dortmund, um die Leute abzusetzen. Ich schlage zusätzlich noch Groningen, Ratzeburg und Wetzlar vor, Mitja meint nur: „Berlin wär auch gut“! Und weiter: „Alle kleinen Jungs wollen Piloten werden. Wenn das nicht klappt, werden sie eben Busfahrer. Aber da klappt dann meist gar nichts!“.
Mi, 11:40 – Die Busfahrerwitze sind nicht mehr aufzuhalten. „Kennst du den? – Kommen zwei Busfahrer in den Himmel...- hahahahahah!“. Oder auch nett: „Wie schreibt man Busfahrer? – Mit Eject!“.
Der Fanladen-Heiko wird kontaktiert. Er meint, wir sollen bloß lieb zu den Fahrern sein, sonst würde man eventuell am kommenden Sonntag nicht nach Gladbach kommen. Was will der denn? Wir sind doch schon auf dem direkten Weg zum Bökelberg... über Groningen, Pforzheim, Berlin, Ratzeburg, Dortmund, Wetzlar... Wir kommen überall hin, - ist nur eine Frage der Zeit!
Mi, 12:13 – so langsam fühlen wir uns wie die Kelly-Family – ein Leben im Bus!
Mi, 15:00 – auf dem Weg nach Dortmund überholt uns ein Bus. Das geübte Auge des RL1 identifiziert die Insassen sogleich als Liverpool-Fans auf dem Weg zu ihrem Auswärtsspiel am Abend gegen den BVB. Wildes durchs-Fenster-Gepöbel wird mit Hose-runter-und-Arsch-zeigen beantwortet. Herrje, sind Fussballfans niveauvoll...
Mi, 16:00 – die verrückte Idee kommt auf, eventuell das Spiel der Liverpooler auch noch mitzunehmen. Ein Telefonat ergibt, dass es noch ca. 2000 Karten geben soll. So viele brauchen wir gar nicht. Fast die komplette Busbesatzung hätte Lust drauf... noch!
Mi, 19:00 – kurz vor Dortmund verwerfen wir den Gedanken an den Busch des Westfalenstadions. Wäre bestimmt interessant geworden, mit knapp 50 Leuten in Celtic-Klamotten den Liverpool-B-- LOCK zu entern...
Mi, 20:00 – wir versuchen die Stadt wieder zu verlassen. Amir und Co. sind abgesetzt worden, - das war also die letzte Zwischenstation. Hoffentlich. Alle wollen nur noch nach Hause!
Mi, 20:57 – schon wieder eine Pause. So alle 30 – 40 Minuten wird nun pausiert. Warum? Das wissen wohl nicht mal die Fahrer...
Mi, 22:00 – Inzwischen ist die Stimmung schon wieder fast so, wie man sie von Auswärtstouren kennt. Irgendwie hat man diesen Tag komplett im Bus und mit reichlich Bier etc verbracht. Der Promillegehalt der Besatzung dürfte sich so um 8 % betragen...
Do, 00:40 – wir sind kurz vor Hamburg. Juhu, bald haben wir’s geschafft!
Do, 01:04 - dies ist die offizielle Ankunftszeit. Der Bus rollt von der Budapester Strasse zur Clubheim-Auffahrt. Es ist ein Wunder, - wir sind vollzählig und alle halbwegs heil wieder angekommen. Und sogar die Busfahrer konnten unversehrt ihrer Wege geh’n (fahren)... es war einfach keiner von uns mehr in der Lage ihnen einen Stein ins Heckfenster zu schmeißen, oder gar die Reifen zu zerstechen... Fazit: Knapp 60 Stunden für 120 Mark unterwegs; da kostete die Stunde also gerade mal zwei Mark... oder so.
(Bericht von Sven aus Hossa Nr. 26a)
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| 20.09.2001, [Sven (in Hossa)] |
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