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Tell all the Huns you know… Ein schöner Julitag im August 2010.

21 Busse stehen dicht gedrängt vor dem Clubheim der ASTRA Arena, die auch ohne Hockey-Olympia bereits seit zwei Jahren im neuen Glanz erstrahlt und zu den stets ausverkauften Heimspielen des FC St.Pauli immerhin 30.000 Zuschauern Platz bietet, mehr als der Hälfte noch immer stehender Weise. Langsam setzen sich die Busse in Bewegung, sonderlich eilig hat man es ja nicht, jeder der Mitreisenden hat wenigstens eine Woche Urlaub genommen. Traktor Wolgograd gegen den FC St.Pauli von 1910 e.V. - 1.Runde im UI Cup… da hat es doch tatsächlich bis zum 100 jährigen Bestehen gedauert, bis man zur ersten internationalen Partie des Vereins aufbrechen darf, und die will sich natürlich niemand entgehen lassen. Morgen sollen dann noch 5 Charterflieger in Fuhlsbüttel auf Reisen gehen, aber wer was auf sich hält, ist natürlich mit dem Bus on the road... *Klingelingeling* Mist, der Wecker… na ja, wäre auch zu schön gewesen. Noch haben wir 2003, und wenn man als St.Pauli Fan internationale Spiele sehen will, bleiben einem nur Länderspiele oder eben Europapokalspiele ohne St.Paulianische Beteiligung… noch… Und während wir einen Schritt vor dem Abgrund Regionalliga stehen (und einige behaupten, wir wären sogar schon einen Schritt weiter), befinden sich zum ersten Mal seit Ewigkeiten die Celts auch nach dem Winter noch im internationalen Wettbewerb. Und als wäre unser Schöpfer nicht schon auch so gut genug zu uns, schickte er seine katholische Lieblingsmannschaft auch noch nach Stuttgart und unsere braun-weißen Götter einen Tag später ins nahe Mainz. Selten eine so deutliche Ansage zu einem Doppelpack gesehen. Der Fanladen sah das ähnlich, und an dieser Stelle ein fettes Dankeschön an die Fanladencrew (insbesondere Cathrin, die sich der Planungen in Heikos Abwesenheit annahm), denn sowohl Karten- als auch Schlafproblematik wurde so perfekt gelöst, vom günstigen Komplettpreis ganz zu schweigen. So eine engagierte Hilfe dürfte es wohl bei keinem anderen Verein geben. So fand man sich also am Mittwoch morgen nach der AOMV am Clubheim ein, um mit Bus 1 loszufahren, Bus 2 und ein Bus der Skinheads sollten dann am Donnerstag folgen. Die Busfahrt verlief für die Entfernung extrem entspannt, für eine Mischung aus Irritation und lautem Gelächter sorgte dann ein Anruf der Südzecken, die aus dem örtlichen Videotext folgendes berichtete: "Ca. 10.000 Celtic-Fans werden erwartet, bei denen man allerdings mit keinerlei Problemen rechne... aber es kommen auch 300 St.Pauli Fans, davon 60 Gewaltbereite!" Frechheit, die können wohl nicht zählen? Wir kamen schon nach vorsichtigen Schätzungen locker auf die doppelte Anzahl Gewaltbereiter, und hatten den Skinheadbus noch garnicht eingerechnet! Von der Jugendherberge ging es dann direkt in die Stadt. Die Ankunft am Schloßplatz war dann schon der Hammer. 200 Celts saßen dort schon sangesfreudig versammelt, und nachdem wir eine Minute unentschlossen zu fünft dort rumstanden, rief der ganze Mob "St.Pauli! St.Pauli!" und machte danach "Psssssst!" und gab noch ein "Come on, St.Pauli, give us a song!" von sich. Nach kurzer Beratung (man durfte sich ja jetzt auch nicht blamieren) wurde dann "Freude schöner Fußballzauber" angestimmt, was den Vorteil hatte, das die Celts dank bekannter Melodie auch gleich rythmisch mitklatschen konnten, und sich dann auch artig mit Applaus bedankten. Wer noch Karten für das Spiel hatte, konnte diese ebenso schnell loswerden wie Karten für das Mainz - St.Pauli Spiel, wobei die Celts doch sehr mißtrauisch auf die verlangten 9,-Euro reagierten, sie fragten doch noch mindestens dreimal nach, ob das wirklich "enough" sei. Nach einiger Zeit Einsingen ging es dann ins Biddy Earlys. Einige Celts verließen schon um 19.00h sternhagelvoll die Kneipe. Das deren Englisch für mitteleuropäische Ohren eh schon schwierig ist, hindert sie ja auch nicht daran, besoffen noch mehr zu nuscheln. Bester Beweis: Ein sichtlich angeschlagener sprach: "You know where I get SOMETHIG TO EAT?" was ein ÜS Kollege freundlich mit "You can buy SOME TEA over there!" mit dem Hinweis auf ein Cafè beantwortete... watt hebb we lacht. Es begann ein Abend der Sonderklasse. Songs ohne Ende, ca. 300 grün-weiß gekleidete in Ekstase, und spätestens um 21.00h hatte man die gefühlte Uhrzeit 03.00h nachts erreicht. Auch am Donnerstag sammelte sich alles wieder auf dem Schlossplatz. Alle Beschreibungen dieser Welt können die Atmosphäre nicht annähernd wiedergeben, es war einfach unglaublich. Alle Anekdoten des Tages hier aufzuführen würde zum einen den Rahmen sprengen, ein Highlight aber sicher im Nachhinein der zitierte Stuttgarter Organisationsdepp, der sich für die nicht vorhandenen Dixi-Klos damit entschuldigte, das man zum einen nur mit 3.500 Leuten gerechnet hätte und zum anderen ja auch nicht wusste, wo die sich denn niederlassen würden. Stimmt, Fußballfans in Massen sind ja auch bekannt dafür, sich gerne auf kleinen Plätzen weit vor den Toren der Stadt ohne störende Infrastruktur zu versammeln, statt auf dem größten Platz der Stadt mit erstklassiger Bierversorgung. So ziemlich jeder zweite Schotte hatte eine eigene Kiste Bier erstanden, was zum einen bereits um 12.00h zu "ausverkauft!" in allen Supermärkten führte, und zum anderen zwei Schotten bis auf die Knochen blamierte, die doch tatsächlich kurz nach zwölf strahlend mit einer "Jever Fun" (alkfrei) Kiste ankamen… was wurden die ausgelacht! Bei den örtlichen Flaschenpunks sorgte das dann abends auch für ungeahnte feuchte Träume vom Eigenheim auf Mallorca, soviel Pfand stand da auf dem Schloßplatz rum. Am Stadion dann die verblüffende Erkenntniss, dass Körperkontrollen bei internationalen Spielen wohl Off sind, denn während wir bei unserem Gastspiel beim VfB letztes Jahr noch penibelst abgetastet wurden, wollte hier gerade mal flüchtig die Eintrittskarte kontrolliert werden. Das Spiel selbst sollte wohl jeder gesehen und die lauten Gesänge jeder genossen haben. War schon der pure Wahnsinn, beim 2:0 sah man wirklich nur fassungslose Gesichter. Das spätestens beim 2:2 die anwesenden St.Paulianer sich aufs Nägelkauen verlagerten, mag verständlich sein, das Heimspiel gegen Union war noch in zu bester Erinnerung. Doch es gab das bekannte Happy End, und auch diese Nacht wurde dann in zahlreichen Kneipen noch feuchtfröhlich verbracht. In Mainz versammelte man sich am Freitag auf dem Domplatz und ließ gedanklich die vergangenen Tage Revue passieren. Der ganze Tag verlief außerordentlich entspannt und irgendwann trudelte dann auch Bus 3 ein und die Insassen ließen sich ausführlich berichten. Am Stadion angekommen fiel einem dann langsam auf, wieviele Celts sich tatsächlich auf den Weg gemacht hatten... und die vorsichtigen Schätzungen belaufen sich auf 300 - 400, es war auf jeden Fall der Hammer. Wenn sich noch einmal irgendwer hinstellt und die Existenz dieser Freundschaft anzweifelt, kann er sich mal ganz gepflegt gehackt legen. Die strahlenden Augen, wann immer irgendwer bei einem Celtic Spiel mit dem Namen "St.Pauli" konfrontiert wird, die große Anzahl an Leuten, die ihren Rückflug extra wegen unseres Spiels auf den Samstag gelegt haben, der Fakt, dass Leute, die ihren Rückflug am Freitag abend ab Frankfurt hatten, extra noch zum "celebrating with our friends of St.Pauli!" nach Mainz gefahren sind, um sich dann am Stadioneingang zum Flughafen zu verabschieden, die anhaltenden "St.Pauli and the Celts are here" - Gesänge sowohl in Stuttgart als auch in Mainz... das alles zusammen war einfach unglaublich und wenn dann irgendwer bei eben jenem "St.Pauli and the Celts are here" böse guckt und/oder den Kopf schüttelt, kann ich das einfach nicht nachvollziehen, denn diese Beziehung ist sicher fester als die Freundsachaft mit Köln oder sonst wem, oder irgendwelche angeblichen Beziehungen zu Juventus Turin. Zu Ternana kann sich so was ja sicherlich noch entwickeln, aber in der breiten Akzeptanz und Bekanntheit ist dies wirklich bisher einmalig. Die Stimmung im B-- LOCK war heute auch größtenteils sehr gut, sowohl unten im Stehplatzbereich als auch oben auf den Sitzen. Gleiches gilt ja langsam auch wieder für die Leistung der Mannschaft, denn Mainz war ja nun heute auch nicht irgendwer sondern immerhin Rückrundenspitzenreiter und ca. seit der Geburt Jesu zuhause ungeschlagen, da muss man mit einem Punkt dann auch mal zufrieden sein. (Das gleiche muss man Wochen später in Freiburg wieder ähnlich sehen… trotzdem wird es am Ende leider zuwenig sein). Die Rückfahrt im Bus verlief dann fröhlich bis entspannt und wurde immer wieder durch einen einsamen stimmgewaltigen Sänger und sein "Tell all the Huns you know, that there's gonna be three in a row!" aufgelockert. Die nächste Runde in Liverpool konnte ja ebenfalls siegreich überstanden werden, und wenn Ihr dieses Heft in Händen haltet, wisst Ihr bereits, ob es denn nach dem 1:1 im Hinspiel im Rückspiel bei Boavista noch gereicht hat. Der Autor hofft doch sehr darauf, schließlich besitzt er bereits Karten und Flugtickets für das Finale in Sevilla, und Boavista - FC Porto möchte er sich nun wirklich nur ungern dort anschauen. (Bericht von Maik aus Übersteiger Nr. 63)
21.08.2003, [Maik (im Übersteiger)]