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Berichte
UEFA-CUP FINALE 2003 SEVILLA - CELTIC FC vs. FC PORTO, 70.000 30.000
Der erste Dank geht an den FC Basel, der Celtic`s Einzug in die Champions-League verhinderte und somit diesen herrlichen Lauf im UEFA-Cup erst ermöglichte. Das Weiterkommen über Suduva, Blackburn, Vigo, Stuttgart, Liverpool und Boavista löste die größte Auswanderungswelle irischstämmiger und artverwandter Menschen seit dem Kartoffelhunger im Jahre 1845 aus. Laut spanischen Zeitungen reisten 70.000 Celtic-afficionados nach Sevilla um bei der Geburtsstunde der Sevilla-Lions dabei zu sein. Wie in allen Runden zuvor reisten auch wieder St. Paulianer an, um Celtic zu unterstützen.
Als Trio reisten wir von D´dorf nach Sevilla, noch stark angeschlagen vom Abstieg am Vortag, sowohl geistig als auch mental. Am Flughafen in D´dorf wimmelte es schon von Hoops und in unserem Flieger saßen dann so 20 Bhoys. Am Flughafen in Sevilla warteten wir dann noch auf Freunde aus Glasgow, aus jedem Flieger (aus Amsterdam, Brüssel, Paris) krabbelten Grün-weiße und aus Glasgow kamen allein in der Zeit von 11.00 – 13.00 Uhr am Montagmorgen 4 Maschinen! Entgegen unserer Skepsis fanden wir schnell ein gutes (mit andalusischem Patio), günstiges Hotel für 18 Euro pro Kopp. Beim ersten Rundgang stießen wir auf den Uefa-Pokal persönlich. In einem unscheinbaren Ladenlokal stand das Teil rum, leicht lädiert sah er aus, hat Schalke den nicht mal gewonnen? Wir fragten uns ob der FC St. Pauli von 1910 jemals wieder so nah an den Pokal kommen würde, wie, vertreten durch uns, in diesem Moment. Ganz ab von der Frage ob irgendwer bei St. Pauli sich von so lächerlichen Vögeln wie uns vertreten lassen will.
Direkt neben der Giralda (riesiges Minarett) und der Kathedrale befand sich der örtliche Rip-off Irish Pub, den auch wir als Treffpunkt nutzten. Schon jetzt ließen sich hier einige hundert Celts die Haut verbrennen. Wir trafen Gerry und Alan aus Glasgow und seine 60-jährige Mutter und Tante, beide in grün-weiß, die für einen Tag von der Algarve nach Sevilla gekommen waren, um ein wenig die Atmosphäre aufzusaugen. Sie erzählten, dass an der Algarve auch Hunderte Celts dem Spiel entgegenfieberten. Den Abend verbrachten wir mit Kneipenhopping bei lecker Cerveza und Tapas, was in der schönen Stadt und bei 28° ein Traum war. Ein Traum sind auch die Töchter der Stadt von denen die Einheimischen
ganz bescheiden behaupten, dass es die schönsten der Welt sind. Am nächsten Tag kamen dann die anderen St. Paulianer und es wurde viel gegrölt und gerülpst.
Wir verbanden Sightseeing-light mit der Suche nach Tickets, doch das günstigste Angebot lag bei 250 Euro, nee lass mal.
Abends gab´s dann alternativ ´n Konzert mit Charlie and the Bhoys oder ´ne Movida. Wir entschieden uns für den Kneipenbummel durch die Seitenstraßen Sevillas, bei dem wir noch weitere uns bekannte Celts trafen und Sangeswettstreite mit den Einheimischen hatten. An diesem Dienstag sah man spätestens alle 10 sec. einen Celt, egal wo in der Stadt, doch das sollte nur ein Vorgeschmack auf Mittwoch sein.
Am Mittwoch dann reichlich nervös aufgewacht und ab Richtung Kathedrale. Schon weit vor der Kathedrale und dem Rathaus sah man nur noch ein grün-weißes Meer. Diese Bild brachte mein Herz echt zum rasen und es wurde ordentlich Adrenalin ausgeschüttet. In den Straßen ging gar nichts mehr, nur noch Hoops. Porto-Fans sah man nur wenige, so dass die Zahl 30.000 in den spanischen Zeitungen doch ein wenig überraschte. An der Kathedrale verwechselte ich dann ein FC Sevilla-Trikot mit dem von Bilbao, so dass wir mit ein paar Sevilla-Skinheads (sowohl FC als auch Betis) ins Gespräch kamen, die echt in Ordnung waren. Sie bezeichneten sich selber als St. Pauli-Sympathisanten und warfen uns unaufhörlich die Namen deutscher OI!-Bands an den Kopf, unter anderem auch Jesus Skins, die sie gerade interviewt hatten. Nur einer von uns hatte nicht mitbekommen, dass die Jungs und Mädels nicht aus Bilbao waren und unterhielt sich kräftig über die baskische Metropole und Athletic und wunderte sich stark über seinen anscheinend geistig verwirrten „baskischen“ Gegenüber, der ihm mitteilte, er sei auch schon mal in Bilbao gewesen, sonst nichts über Stadt oder Verein wusste. Jedenfalls tranken wir uns mit den Skins langsam Richtung Stadion, da der Bereich um die Kathedrale auch schon ziemlich leer getrunken war. Die Zeitungen berichteten, dass die Nachbarstädte mit Bier aushelfen mussten. Einer von uns ergatterte noch ein Ticket für 100 Euro, was wirklich ein sehr korrekter Preis war. Die anderen mussten leider draußen bleiben. Nach einem langen Fußmarsch waren wir dann 2h vor Spielbeginn im Olympiastadion von Sevilla (wo nie Olympische Spiele waren). Auch hier bot sich ein überwältigendes Bild: ¾ des Stadions war in die Farben der Irischen Trikolore getaucht. In dieser berauschenden Atmosphäre gefielen auch die Flamenco-Aufführungen und der Auftritt der Töchter von Flamenco-Gitarrist Tomate, besser bekannt als Las Ketchup.
Beim Einlauf der Mannschaften ohrenbetäubender Jubel, in der Porto-Kurve eine riesige Blockfahne mit den Wappen aller ausgeschalteten Teams wie z.B. SS Lazio und der Unterschrift „Lasst uns eine neue Seite in der glorreichen Geschichte unseres Clubs aufschlagen“, sehr schön. Der Support von Celtic war unglaublich laut, wenn sich mal ein Gesang im gesamten Rund durchsetzte, wie nach den Toren von King Hendrik oder bei den Klassikern, doch gab es auch längere Pausen. Die Drachen (dragoes) von Porto feuerten ihre Mannschaft Ultrà-style 120 Minuten lang ziemlich laut und abwechslungsreich an.
Einzig die Porto-Mannschaft vermieste durch ihre drittklassigen Schauspieleinlagen und Zeitspielereien nach der dritten Führung die Stimmung, so dass laute „Cheats, Cheats, Cheats“-Rufe durchs Stadion hallten. Nach Abpfiff wurde die Leistung der Hoops mit viel Beifall und Gesängen bedacht, das galt besonders für Martin O’Neill. Das gellende Pfeifkonzert bei der Pokalübergabe, hörte ich nur noch beim Verlassen des Stadions. Der lange Fußmarsch zurück, glich dem von Kämpfern nach einer verlorenen Schlacht, man wankte mehr als das man lief, was nach 4h Hitze im Stadion bei schlechter Getränkeversorgung nicht verwundert. So waren die bevorzugten Getränke in den ersten Bars am Stadion auch Literflaschen Wasser, und das bei Celtic! Im Zentrum Sevillas konnte man dann gut zwischen den erschöpften Stadionbesuchern und den leicht angeheiterten Kneipenguckern unterscheiden. In gedämpfter Stimmung zogen wir noch bis 5 durch die Bars. Feiernde Portosen wurden mit gekonnten Schwalben auf das begangene große Unrecht hingewiesen. Super freundlich und hilfsbereit ließen übrigens die Einwohner Sevillas den etwa einwöchigen Wahnsinn über sich ergehen. Muchas gracias !
Nach dieser erfolgreichen Woche (Abstieg St. Pauli, drohender Lizenzentzug, Finalniederlage, Verlust der schottischen Meisterschaft) kehrten wir also nicht als Sevilla-Lions sondern als Sevilla-Meerschweinchen zurück.
(Bericht von Hose aus Nachgetreten Nr. 13)
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| 21.10.2003, [Hose (in Nachgetreten)] |
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